Nux VomicaNux Vomica

Nux Vomica (Brechnuss) sollte jedem, der ein Herz für Homöopathie hat und geistigen Getränken nicht gänzlich abgeneigt ist, ein Begriff sein und zudem integraler Bestandteil der Hausapotheke. Fünf bis zehn Globuli, anfangs alle fünfzehn Minuten oder so, und der fiese Kater verliert seinen Schrecken, ein wenig innere Bereitschaft gehört freilich auch dazu. Wie die ursprünglich in Baltimore und nun in Portland ansässige Band Nux Vomica zur Homöopathie steht, ist leider nicht überliefert.

Das Quintett hat seit 2007 zwei Alben und diverse EPs und Split-Singles, unter anderem auf Aborted Society, veröffentlicht und mit „Nux Vomica“ steht nun ihr erster Langspieler für den amerikanischen Metal-Riesen Relapse in den Startlöchern. Und was für eins: Um die „standardisierte“ Albumlänge von um die 45 Minuten zu erreichen, brauchen die Jungs nur die drei Songs „Sanity Is For The Passive“, „Reeling“ und „Choked At The Roots“. Das wäre, wenn die Band Black Metal oder Doom spielen würde, sicher nicht sonderlich exotisch, aber Nux Vomica spielen im Grunde Crust – aber eben mächtig epischen Crust. Das klingt eigentlich erst einmal recht widersprüchlich, hat sich das Genre überspitzt formuliert doch aus einem heißen Flirt von 80er-Anarcho-Punk wie Crass oder Conflict und Metal à la Motörhead und Venom entwickelt, aber Nux Vomica wissen genau, was sie machen. Aus den zwölf Minuten vierzig, die sie allein für den Eröffnungssong „Sanity Is For The Passive“ einplanen, und den darin verbratenen Ideen würden andere Bands ganze Alben zimmern. Die Double-Bass wummert, der Bass treibt, Sänger Just Dave keift sich die Seele aus dem Leib und die Gitarristen riffen sich die Finger blutig.

Das Tempo wird dennoch erstaunlich variantenreich gehalten, streckenweise auch geschickt verschleppt, und die Crust-typischen ruhigeren Passagen fehlen natürlich auch nicht. Manchmal driftet die Band dabei – sampleunterfüttert – langsam Richtung Sludge, zum Beispiel wenn der Bass und die Gitarren noch eine Spur tiefer als sonst gelegt werden. Aber so richtig interessant und spannend wird es, wenn Nux Vomica wie in „Reeling“ mehr Melodie, Klarheit oder verwaschene, beinahe shoegazige Dichte zulassen. Wenn die Gitarren, wie in „Choked At The Roots“, passagenweise Richtung Black Metal streben, um anschließend in Melodic Metal zu switchen, erreichen sie eine emotionale Wucht, wie sie durch derbes Gedresche und pure Aggression kaum erlangt werden kann. Nux Vomica spielen sich durch ihre Crust-Wurzeln bis nahe an Post-Metal/Post-Hardcore-Gefilde und – auch wenn bei ihnen noch nicht alles perfekt sitzt und es mitunter fast wirkt, als würden die Songs auseinanderbrechen – beweisen, wieviel Potential im Jahre Eins nach Deafheaven derzeit noch im Metal schlummert, wenn seine Protagonisten nur die allzu engen Scheuklappen ablegen und sich ein wenig abseits vom ausgetretenen Pfad durchs Unterholz schlagen.

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