Die kleine Musikfabrik Skandinavien weiß es gekonnt, immer wieder neue tolle Acts auf den deutschen Musikmarkt zu verfrachten. Besonders der teilweise verhasste Synthpop, der mal schlecht mal recht interpretiert wird, ist in den nordischen Ländern kein Fremdwort. Das gewisse Gespür, diesem retro anmutenden Genre einen mondänen Glanz zu verleihen, liegt oft in ihren Händen und brachte schon viele Hypes und Hits hervor. Blicken wir mal auf unseren direkten Nachbarn Dänemark, der eine sehr vielversprechende Solokünstlerin in petto hat: Vorhang auf für Karen Marie Ørsted aka MØ.

Der Name ist bestimmt schon seit einer längeren Zeit dem einen oder anderen bekannt, aber was immer fehlte, war das passende Debütalbum. Nun endlich erscheint nach drei Jahren das mit Spannung erwartete „No Mythologies To Follow“, von dessen zwölf Tracks MØ schon insgesamt sechs vorab veröffentlicht hatte. Ein gewagter Schritt, der sich aber gelohnt hat: Überall hört man Hype und Hysterie.

Musikalisch bewegt sich das Album gekonnt in dunklem Synthpop, gespickt mit souligen und R’n’B-igen Nuancen und etwas HipHop. Das wohl Auffälligste ist, das muss man sagen, MØs Stimme: Lana Del Rey lässt grüßen, was man besonders in der ruhigen Ballade „Dust Is Gone“ heraus hören kann. Ob gewollt oder nicht, lassen wir mal dahingestellt, aber es passt: Ohne diesen gehauchten, etwas schludrigen Gesang wäre ihre Musik nämlich nur halb so gut, er ist das Fundament ihres Debüts. MØ macht eben Popmusik und das hält sie auch konsequent durch – Pop im modernen Sinne natürlich. Hier bringt sie elektronische Sounds, dort einen Breakbeat oder Claps, Doppelung ihrer Stimme und natürlich viel Tanzbarkeit.

Thematisch bewegt sich „No Mythologies To Follow“ auf einer altbewährten Ebene: eine verlorene Liebe, verletzte Gefühle und ein Blick in die Zukunft. „Then our lives are moving on/ with no words, you will do fine/ But I never wanna know the name/ of your new girlfriend.“ In „Never Wanna Know“ gewährt uns MØ einen kleinen Blick in ihr verletztes Seelenleben, einen Schmerz, den man ihr auch anhört. Der Song ist eine mit viel Hall und Atmosphäre versetzte Ode, die Becken und Glockenschläge nicht vermissen lässt. Auch die Singleauskopplung „Pilgrim“ steht dem in nichts nach: Bläser, Streicher und Glockenspiel finden sich ebenso wieder wie der klatschende Beat. Doch hier wird sehr deutlich, dass die Sängerin auch anders kann; nicht immer nur einer alten Zeit hinterher trauern, sondern ihr auch den Rücken zukehren: „Old wise river take me to the sea/ Breathe free/ Like pilgrims on the camino/ I go, I go“ – eben das, was sich die neue, moderne Generation wünscht, in der sich MØ befindet.

Die dänische Sängerin berechnet sich eine eigene Popformel, die sie gekonnt ins Szene setzt. Dabei weiß sie, Songs erhaben und pompös erstrahlen zu lassen, ohne dabei kitschig oder trashig zu sein. Dafür umkreist sie eine zu dunkle Atmosphäre. „Fire Rides“ ist ein schöner Einstieg in ihr Universum, der Eröffnungssong erscheint erst ruhig, mit einem vielschichtigen und halligen Gesang, der sich zum Refrain hin aufbauscht, dabei aber nie explodiert. Im Arrangement wie in der Musik lässt sich auf dem Album ein durchgehender roter Faden finden, über den sich MØ immer auf eine musikalisch sichere und bekannte Art und Weise bewegt – riskant sind ihre Songs nie. Im zweiten Track „Maiden“ – ihre erste Singleauskopplung – spielt MØ mit ihrer Stimme und lässt sie über einen Filter tanzen, untermalt von einer elektronisch anmutenden Gitarrenlinie, die sofort im Ohr hängen bleibt. Fun Fact am Rande: Zu Deutsch bedeutet ihr Künstlername „Jungfrau“, wie sie auch selbst einmal singt: „I am a maiden.“ Die Musik einer religiösen Jungfrau macht sie aber sicherlich nicht.

MØ weiß, was sie will und das nicht zu knapp. Sie ist schon mittendrin im Poptum, aber ohne dabei eine Diva zu sein. Gespickt wird das Album durch ihre unverfrorene Coolness, Trotz und die Egal-Attitüde, eben so, wie sie sich auch in der Öffentlichkeit gibt: als hippes, jugendlich gebliebenes Mädchen. Besonders passend dazu tönt ihre tanzbare Uptempo-Nummer „Don’t Wanna Dance“. MØ hat Spaß, den man dem Album anmerkt. Ihre Stimme wird dabei perfekt in die elektronische Maschinerie eingebettet. Am Ende weiß man nicht so recht, wohin mit sich, aber ein Eindruck bleibt bestehen, der im letzten Track „Glass“ sehr gut resümiert wird: „Everyone wonder where the good times go/ […] Wanna be free/ Wanna be free/ Wanna get ‚em/ Hey, hey, hey …“

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum