Jamie LenmanMuscle Memory

„Don’t judge a book by its cover“ lautet eine geflügelte Weisheit, die man im Laufe seines Lebens immer mal wieder um die Ohren gehauen bekommt, und bei Jamie Lenmans Solodebüt „Muscle Memory“ muss man sie einfach wieder ans Licht zerren. Das Cover ziert die Zeichnung eines akkurat gescheitelten, fein gezwirnten und gezwirbelten Schnäuzerträgers im 20er-, 30er-Jahre-Stil, der locker sein Banjo im Anschlag hält. Gefährliche Assoziationen an Max Raabe und andere Wiedergänger der „Roaring Twenties“ flackern einem durchs Oberstübchen und es wird einem nicht wohler, wenn sich herausstellt, dass der Dargestellte Jamie Lenman höchstpersönlich ist, der sich derzeit exakt so gestylt präsentiert.

Aber man soll das Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen und wer Lenmans Vorgeschichte kennt, weiß, dass es so schlimm schon nicht werden wird. Lenman war nämlich amtlicher Shouter und Rampensau der britischen Formation Reuben. Diese hatte sich bis zu ihrem Ende 2008 mit ihrer Mischung aus Post-Hardcore, Alternative Rock und Math eine treue Fangemeinde und einige Anerkennung erspielt, Lenman brauchte danach allerdings eine Weile, um sein Solowerk an den Start zu bringen. Wobei man sagen muss, dass er es sich auch nicht einfach gemacht hat, denn „Muscle Memory“ präsentiert sich als ausgewachsenes Doppelalbum und zudem wie Two-Face aus Batman. Die erste CD, auf der bezeichnenderweise ein Herz prangt, präsentiert den versierten, mit allen Wassern gewaschenen Shouter, der sich und seine Band durch streckenweise stakkatohaften Alternative-Posthardcore-Metalrock peitscht. Und wenn „No News Is Good News“ auch noch völlig unkitschig „Hotel California“ zitiert – was soll dann noch schiefgehen? Obwohl ich zugeben muss, dass mir zu viel Geschrei gepaart mit permanenten Druck manchmal an den Nerven zerrt, aber das ist natürlich eine völlig subjektive Erfahrung. Die zweite CD ziert ein Gehirn, hierauf wird es dann sowohl seltsam als auch interessant. Denn Lenman holt tatsächlich das Banjo vom Albumcover raus, lässt das Schreien sein und singt.

Und hey, der Mann kann singen, auch abseits von „voll auf die Fresse“ tolle Songs schreiben und, ja, reist zurück in die oben erwähnte Zeit: Folk, Blue Grass, Swing, Chain-Gang-Arbeiterlieder, Balladen, alles da. Dabei wird die Instrumentierung weitestgehend klein gehalten und auf das Nötigste reduziert. Das Max-Raabe-Gefühl will sich glücklicherweise aber nicht einstellen., vielmehr macht es ausgesprochen Laune, sich dieses zweite Gesicht von Lenman anzuhören. Auch wenn „Muscle Memory“ in meinen Augen abschließend am besten funktioniert, wenn man das Album digitalisiert und „Herz“ und „Hirn“ randomisiert (ein Umstand und eine Funktion, welche mir sonst in einem Albumkontext ein tiefer Greul ist) hart aufeinanderprallen lässt, weil hier die Fusion aus beiden Teilen eben doch das größere Gesamtereignis darstellt.

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