
Gehen wir doch mal gemeinsam auf eine kurze Reise in die Vergangenheit. In den letzten vier Jahren wurden meine Jahresanfangsrezensionen immer für die AUFTOUREN-Liebe nominiert oder lagen jenseits der magischen 80%-Grenze. Da tummelten sich illustre Namen wie Nick Cave, Alcest, Tu Fawning oder Sam Amidon und sorgten für Wohlbehagen beim Rezensenten. 2014 macht James Vincent McMorrow den Auftakt, dessen Debüt weiland immerhin knapp an der magischen Grenze knabberte. Gute Vorzeichen, oder?
Bezeichnenderweise taucht in Kai Wichelmanns Rezension von „Early In The Morning“ ganz früh der Name James Blake auf, jener nunmehr seit 3 Jahren fest verankerten Genrereferenz, die fast immer dann zum Zuge kommt, wenn von dieser neuen Art souligen Quasi-Pop mit Folksprengseln und sonstigen Versatzstückchen die Rede ist. Hatten diese Blake’schen Intonationsqualitäten auf McMorrows Erstling eher den Charakter schmückenden Beiwerks, scheint er die neue „Post Tropical“ betitelte Platte hinreichend beinflusst zu haben.
Sich mit „Post Tropical“ zu beschäftigen, bedeutet Arbeit oder Hingabe, zu vielschichtig wirken die dichten Arrangements, die häufig erst beim dritten, vierten oder gar fünften Hördurchgang vollends erschlossen scheinen. Schon mit „Cavalier“ eröffnet McMorrow ein Klangspektrum, das den fantasievollen Folk des Debüts vor allem an Tiefe überragt und sich irgendwo zwischen Erhabenheit und Vollendung einordnet. Der weiche, fast permanent in Falsett- oder Kopfstimme intonierte Gesang katapultiert sich nach allmählichem Beginn in unsagbare Höhen. Im herausragenden „Glacier“ verdichtet er diese Techniken und verursacht ganze Sturzbäche von Gänsehautmomenten, barmt sich an Chören vorbei seinen Weg nach oben und nimmt mehr Fahrt auf, als es der zaghaft-zärtliche Beginn vermuten lässt.
„Post Tropical“ lebt ähnlich wie die letzten Alben von Bon Iver, Destroyer oder eben James Blake von dieser ganz speziellen soften Stimmung, die allzu schnell in den Kitsch abdriften kann. Wehe, da ist ein Timpan oder gedämpfter Beckenschlag zu viel, zu wenig oder gar an der falschen Stelle. Entweder fährt man hier das ganze Programm auf einmal auf, gibt sich komplett reduziert oder inszeniert ein Wechselspiel wie im jubelschweren „Outside, Digging“, das körperlich, ja beinahe lasziv ins Nirgendwo verschwindet. Nicht immer schafft McMorrow es, diese Anspannung, dieses Ein- und Ausatmen auf seine Hörer zu übertragen. So fällt man nach „Cavalier“ durchaus erst einmal in eine beseelte Starre, die sich erst nach und nach auflöst und die nachfolgenden Stücke nicht immer klar voneinander getrennt wahrnehmen lässt.
Natürlich schafft McMorrow immer wieder den ein oder anderen Moment der Ruhelosigkeit, zum Ende von „Gold“ braust er gar umfangreich orchestriert auf, doch scheint er sich eher in den Zwischentönen wiederzufinden. Spätestens beim Titelsong hat er diese diffuse Wahrnehmung jedoch in ein anderes Licht getaucht, das Auf- und Abschwellen von Dynamik und Stimmung in Gleichklang gebracht und wellenförmig auf eben dieses „Post Tropical“ hinsteuern lassen. Interessanterweise bricht das Album dann nicht erwartbar wieder zurück, sondern erscheint fokussiert und zwingend wie zu Beginn.
Eine Prise mehr davon auch nach dem fabelhaften Auftakt und „Post Tropical“ würde sich in die oberste Spitzenklasse einordnen, so kratzt es immerhin knapp an der Marke. Es bleibt die Gewissheit, dass Subjekte der Jahresanfangsrezensionen in der Regel das Herz und vor allem das Ohr erfreuen. Danke dafür, James Vincent McMorrow.