Against Me!Transgender Dysphoria Blues
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Label:
Xtra Mile
VÖ:
24.01.2013
Referenzen:
The Gaslight Anthem, Titus Andronicus, Leatherface, Bruce Springsteen, The Lawrence Arms
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Autor: |
| Mark-Oliver Schröder |
Ich muss es zugeben: Ich hatte Against Me! nach ihrem letzten Album eigentlich schon abgeschrieben. Mit dem glatt gebügelten Stadion-Punkrock auf „White Crosses“ konnte ich so gar nichts mehr anfangen – zu poliert, zu windschnittig, zu gewolltes Wir-wollen-die-große-Bühne-Spielen, dass es mir schon nach dem ersten Hören schwer fiel, ihm eine zweite oder dritte Chance zu geben.
Dann folgte eine Phase der Transformation nicht nur der Band, die immer schon eine große Fluktuation an Mitgliedern aufwies, sondern im Besonderen von deren Kopf: In einem Profil des Rolling Stone outete Tom Gabel sich 2012 als Transgender und ist nun Laura Jane Grace – ein mutiger Schritt, nicht nur in einer westlichen Öffentlichkeit, die sich in Teilen immer noch, in ihren heteronormierten Grundfesten erschüttert, über die sogenannte Homoehe oder das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare echauffieren kann. Vor allem war dies keine Selbstverständlichkeit in der Szene von Punk und Hardcore, in der sich Against Me! bewegen, denn auch diese – da sollte man sich nichts vormachen – liebt und pflegt in großen Teilen eine geradezu reaktionäre Virilität und einen Tough-Guy-Kult, so offen und tolerant sie sich auch nach außen gibt. Homosexualität wird von vielen darunter noch eher toleriert, jedoch auch nicht unbedingt akzeptiert, als eine Trans*-Person wie Grace, deren Im-falschen-Körper-geboren-Sein die Vorstellung von biologischen Determiniertheiten in Frage stellt. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sich an den Universitäten aus den Cultural Studies kommend eine eigene Forschungsrichtung entwickelt hat, die sich dem hochkomplexen Themenfeld der Gender Studies widmet (bei denen geht es natürlich mitnichten nur um Trans-, sondern um Gender im Allgemeinen).
Laura Jane Grace geht es aber gar nicht um das Theoretische, geschweige denn um das Akademische. Sie beschreibt schlicht den harten Alltag, den täglichen Kampf um Anerkennung und Liebe im Angesicht von Zurückweisung, Hintergangen- und Verratenwerden und wie sie in den Augen einer intoleranten Öffentlichkeit, teilweise sogar in denen vermeintlicher Freunde, nur mehr als „freak“ oder „faggot“ erscheint. Sie singt das mit dem Furor und der Klarheit, welche frühere Alben von Against Me! auszeichneten, aber auch mit einem spürbaren Schmerz und einem Hauch Verzweiflung. Selbst wenn Grace Mut machend den „True Trans Soul Rebel“ beschwört, weiß sie, dass der Weg zum stolzen Selbstbekenntnis und der damit verbundenen Selbstermächtigung weit, schwer und mit „steinig“ nur unzureichend beschrieben ist: „There will always be a difference between me and you“.
Aus diesem Themenkreis hätte nun ein schwermütiges, depressives Album entstehen können, wenn Laura Jane Grace nicht die Songschreiberin wäre die sie ist, so jagt die Band von einem Hit zum nächsten. Ich hatte jüngst die Musik von Mutual Benefit als „akustisches trojanisches Pferd“ beschrieben, das die Schwere seines Inhalts über die Leichtigkeit der Musik quasi durch die Hintertür in unsere Köpfe transportiert, dies gilt gleichermaßen für „Transgender Dysphoria Blues“. Against Me! verpacken das ernste Sujet in mitreißende, meist sehr eingängige Punk- bis Rocksongs, so dass ich schon die verstörten Gesichter mancher Eltern sehe, wenn ihre Kinder zu „True Trans Soul Rebel“ oder „FuckMyLife666“ durchs Jugendzimmer hopsen oder bei „Osama Bin Laden As The Crucified Christ“ lauthals den Text mitsingen. „Transgender Dysphoria Blues“ ist mit Sicherheit Against Me!s bis dato persönlichstes Album, auch wenn Laura Jane Grace meist in der dritten Person singt, in meinen Augen übertrifft es sogar ihren Meilenstein „New Wave“ von 2007.




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