BeyoncéBEYONCÉ
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Label:
Columbia
VÖ:
13.12.2013
Referenzen:
Destiny's Child, Electrik Red, Drake, Diddy Dirty Money, Justin Timberlake
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Autor: |
| Uli Eulenbruch |
Jake Navas Video zu „***Flawless“ endet mit der Archivaufnahme einer TV-Talentshow, in der Beyoncé Knowles als Neunjährige mit dem Sextett Girl’s Tyme, einer frühen Inkanarnation von Destiny’s Child, mit drei von vier Punkten gegen die perfekt bewertete Rockband Skeleton Crew verliert. Der Clip bricht ab, als der Moderator die letztere Gruppe mit „Congratulations, we’ll see you next week“ verabschiedet – ganz als würde Beyoncé im nächsten Augenblick mit einer Sammlung goldener Schallplatten unterm Arm ins Bild treten und hämisch fragen, von wem man nach diesem Tag tatsächlich noch etwas gehört hat. Doch der Angebe-Augenblick bleibt aus, genau so wie sich der weltgrößte R’n’B-Star auch auf dem Rest ihres Albums nicht über den Rest der Welt erhebt. Dabei hätte sie durchaus Anlass dazu.
Dutzende und Aberdutzende von Stücken hatte sie in petto, vierzehn davon formen letztendlich „BEYONCÉ“. Ob Download oder CD, das Album enthält in jedem Format sowohl die Songs wie auch die zu jedem davon gedrehten Videos – wer will, kann es sich genauso am Stück ansehen wie anhören, wobei es ohne die wechselnden Konzepte der Clips mehr aus einem Guss wirkt. Auf Bild- wie auf Tonseite scheint die Wahl von Beyoncés KollaborateurInnen nicht sonderlich revolutionär: Da trifft man überwiegend auf etablierte Namen wie Pharrell, Noah Shebib, The-Dream oder das Duo Timbaland/Timberlake, die auch 2013 über mehr oder weniger erfolgreich das R’n’B-Geschehen bestimmten. Wer dieses Album über alle anderen erhebt, ist vorne drauf in Großbuchstaben zu lesen.
Einerseits vermag Beyoncé in Songwriting und Produktion, „20/20 Experience“-Exzesse zu bändigen oder Vorlagen wie diese, vom mehrfach auf dem Album präsenten Jungtalent Boots, in die bedrohliche Intensität von „Haunted” zu transformieren. Der Sound von „BEYONCÉ“ navigiert Leerraum so effektiv, wie man es von einer modernen R’n’B-Produktion erwarten würde, bei aller Abrundung besitzen die Beats wenn nötig aber auch angemessene Tiefe (besonders inspiriert: die lange nachbassenden Anschläge zum Handklatschen und -trommeln in „Partition“) und Durchschlag. Doch die größte Wirkungskraft des Albums sind Beyoncés Vocals mit ihrer Fähigkeit, Worte über so vielartige Intonation und Stimmfärbung mit denkwürdigem Ausdruck zu versehen, ganze Sätze über die komplexen Melodien des R’n’B nuancenreich auszubreiten oder sich einfach die Seele aus dem Leib zu singen. Durch keine konventionellen Drogen bedingt wird sie im Refrain von „Drunk In Love” wild schwankend, auf „Mine“ kreist ihre weit im Vordergrund abgemischte Stimme mit leichter Unruhe immer um die gleichen, eng beieinander liegenden Töne, in „No Angel“ quetscht und reibt sie sich fast bis zum Fiepsen.
Umso konfrontativer grollt sie „Bow down bitches!” in „***Flawless“, was mehr als mittelfingriger Wutausdruck denn als Majestätsanspruch gemeint ist. Wie auch anderswo auf dem Album fordert Beyoncé für sich und alle anderen, doch insbesondere schwarzen Frauen Selbstbehauptung gegenüber falschen Erwartungen ein: der Erwartung, ständig perfekt aussehen zu müssen („I woke up like this!“), nicht zugleich glückliche Ehefrau (Mrs. Carter) und finanziell unabhängige Karrierefrau sein zu können, nicht wählen zu dürfen, was ihr selbst wichtig ist und dafür genauso respektiert zu werden – explizit wird das Bekenntnis zum Feminismus schließlich über eine glasklare Begriffserklärung durch Autorin Chimamanda Ngozi Adiche. Falscher hätte „Bow down“, das als einer der wenigen Teile dieses solidarischen Albums der strengen Geheimhaltung entrinnend Monate vorab geteast wurde, kaum interpretiert werden können denn als Kampfansage an eine weibliche Konkurrenz, wie sie von Klatschmedien stets zwischen Frauen herbeifantasiert wird.
Ohnehin: Wenn Beyoncé mit diesem Album andere übertrumpft, so sind dies Männer: Auf „Drunk In Love“ rappt sie besser als Jay Z mit seinen „breastesses”, ihren Ehesex porträtiert sie vergnüglicher und in einfallsreicheren Bildern als Robin Thicke („Yoncé all on his mouth like liquor“), für „Superpower“ nutzt sie subtiler als Kanye West Bürgerrechtsbewegungen als Motiv für die Freiheit der Liebe, wobei sich diese Forderung im Duett mit Frank Ocean nicht auf Heterobeziehungen zu beschränken scheint – gerade das Video macht eine queere Deutung offensichtlich.
„BEYONCÉ“ fasst ihr Leben zusammen und beginnt damit in der Vergangenheit. Das eröffnende „Pretty Hurts“ drückt Bedauern über eine Fixierung auf Oberflächlichkeit aus, der nicht nur Beyoncé im jungen Alter als Schönheitswettbewerberin erlag: „Perfection is a disease of a nation / It’s the soul that needs surgery.“ Doch „BEYONCÉ“ dokumentiert auch, wie sie aus Fehltritten und Misserfolgen gelernt hat, mit Imperfektion zufrieden zu sein. Es ist ein Plädoyer für Flawlessness mit drei von vier Sternen, für ein Leben als Frau, das nicht nur aus einer einzigen einseitigen Rolle besteht, vermeintliche Widersprüche inbegriffen. Und so endet es mit den Worten ihres Kindes, für das Beyoncé eine weitere Rolle nur zu gerne einnimmt – nebenher hat sie wohl ein meisterliches Album fertiggestellt, das mit seinem späten Erscheinen 2013 seine Langzeitwirkung erst recht in diesem Jahr zeigen wird.


