MorphinistMorphinist

Black Metal oder Post-Black-Metal ist nicht nur ein Genre für sich austobende Bands, sondern, wohl gerade auch wegen seines Sujets, ein Tummelbecken für musikalische Eigenbrötler. Zu nennen wären hier mit Sicherheit der unsägliche Kristian Larsson Vikernes alias Burzum, Blut Aus Nord, neuere Autodidakten wie Clouds Collide aus den USA oder eben Morphinist aus hiesigen Gefilden. Letztgenannter legte Ende 2013 nach zwei EPs sein erstes, ebenfalls „Morphinist“ betiteltes Album vor.

Vordergründig scheint „Morphinist“ auch klassischer Black Metal zu sein. Das fängt an beim Erscheinungsbild von Morphinist, der – wenn man dem kargen Bildmaterial im Netz glauben schenken darf – auch aussieht wie ein Metaller (was heutzutage nicht immer der Fall sein muss) und setzt sich beim Artwork fort: Das Cover zeigt eine norwegische Gipfelformation in antiquierendem grau/weiß, darüber in Fraktur den Namen und Titel. Die Wahl des Fonts kann hier in zweierlei Hinsicht gedeutet werden: Erstens und ganz augenfällig als Genrekonvention, zweitens als Anspielung auf die Entstehungszeit und kulturelle Bedeutung des Wortes, welche sich erst in den 20er-Jahren, der Hochzeit der Frakturschrift, nach der Einführung des Reichsopiumgesetzes und der Einstufung von Morphin als illegales Suchtmittel mit einhergehender Delinquenz der Konsumenten etablierte.

Morphingebrauch hatte also etwas verrucht Kriminelles, galt allerdings nichtsdestotrotz, wie Drogenkonsum im Allgemeinen, in den 20er-Jahren innerhalb bestimmter Künstler- oder Bohemegruppen als durchaus legitimes Mittel der Bewusstseinsveränderung. Hier sei nur auf die Surrealisten und ihre Drogenexperimente verwiesen, obwohl bei Morphinist wohl, noch weiter zurückliegend, auf den Laudanumkonsum der Romantiker beziehungsweise Gothic-RomanautorInnen verwiesen werden muss. Allerdings sprach man bei ihnen, mangels der stattgefundenen Synthese von Morphin, natürlich nicht von Morphinisten. Heutzutage dürfte es wohl kaum noch Morphinisten geben, allerhöchstens in der Schmerztherapie oder der geriatrischen Abteilung und dann auf Rezept, der Rest sind wohl ganz unromantisch Fixer, Junkies, „Heroinisten“ und heute wohl vornehmlich, stigmatisierend sogenannte Polytoxikomane. Dies sind oft bemitleidenswerten Menschen, die unter staatlich verordneter Kriminalisierung mehr leiden als an den Stoffen, die sie konsumieren und die man gelegentlich noch auf den Straßen unserer Großstädte sieht, wenn sie nicht in so betitelte Problemviertel und somit aus dem Sinn des „normalen“ Bürgers verfrachtet wurden. Zurück zu Morphinist, der schon eher der 20er-Jahre-Bohemevorstellung der Verherrlichung von Opiatrausch zuneigt, so zumindest lassen sich Songtitel wie „Der Zauber Eines Traumnahen Zustands“ – die Induktion eines somnambulen, „traumnahen Zustands“ ist eine zentrale (Neben-)Wirkung von schmerzunterdrückenden Opioiden auf Nervensystem und Gehirn – erklären, obwohl er offensichtlich auch um dessen Gefahren und den Tanz am Abgrund weiß („Abuser’s Path“). Aber nun endgültig genug mit dem Spiel der Zeichen, denn auch musikalisch geht bei Morphinist einiges.

Bis hierhin erscheint „Morphinist“ wie der klassische Stoff für Black-Metal-Romantizismen und -Eskapismus. Hört man jedoch aufmerksamer zu, stellen sich leichte Irritationen ein. So beginnt „Der Zauber Eines Traumnahen Zustands“ zwar mit einer eisigen Fläche und einem „romantischen“ Pianolauf, auf diese werden aber jazzige Breakbeats getupft, die sich im Verlauf des Intros zu Drum’n’Bass-artigen Beats verdichten. Die Musik mutiert aber alsbald nach einem gutturalen Kommando, dem Einsatz der Gitarren sowie nach der ersten Strophe zu den genretypischen Blastbeats, die eine Wall Of Noise befeuern. Aber nicht nur Black Metal, sondern auch dunkler Hardcore findet im weiteren Verlauf des Songs musikalisch seinen Niederschlag und setzt dadurch immer wieder neue Akzente, ohne freilich den roten Faden zu verlieren.

Auch fällt bei Morphinist Songs eine Liebe zu Melodien auf, die – Deafheaven nicht ganz unähnlich – nicht in den Tiefen des Klangkorpus integriert vor zur schneller Dechiffrierung verborgen werden, sondern eindeutig multiplizierende Funktionen übernehmen – Räume öffnen, die woanders liegen als das dieser Musik anhaftende Jungsklischee. Gleiches lässt sich auch über seinen Umgang mit Soli sagen, eine Herangehensweise, auf die sich in letzter Zeit einige (Post-)Metal-Bands einigen können. Sie dienen nie der Zurschaustellung von Muckertum wie noch zu seligen Slayer-Zeiten, als diese sogar auf der Textbeilage explizit den Gitarristen Jeff Hanneman oder Kerry King zugeordnet wurden.

Hört man weiter aufmerksam zu, erstaunt das offensichtlich geloopte Moment der Musik, welches sie, abseits der Drogen- und Naturmetaphorik, durchaus repetitiv als maschinell erscheinen lässt. Das ist auch deshalb interessant, weil Morphinist hier gewollt oder ungewollt seine Arbeitsweise als Solist nahezu transparent macht, statt sie durch geschicktes Spiel mit den Spuren, Effekten oder dem Computer zu verschleiern. Das korrespondiert mit dem DIY-Ideal der Black-Metal-Anfangsjahre und verbindet sich obendrein mit dem postulierten Anti-Virtuosentum des Punk, hier tritt das strukturale, mathematische Moment, das Musik und Black Metal oft im Besonderen innewohnt, ganz offen zu Tage. Morphinists Gesangsdarbietung ist Black-Metal-typisch guttural oder fauchend gehalten, aber beide Modi treten streckenweise in einen „Dialog“ oder doppeln sich, was dem Dargebotenen eine zusätzliche musikalische Tiefe verleiht. Seine Texte trägt er dabei beinahe paritätisch auf Deutsch oder Englisch vor.

All dies macht „Morphinist“, wie „Sunbather“, zu einem spannenden Album mit durchaus gehobenem Crossover-Potential, auch wenn es letztendlich sicher nicht dessen Größe und musikalische Geschlossenheit erreicht.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum