
Unsere Top 50 sind nun bekannt, doch darin findet sich natürlich nicht alles, was 2013 an herausragender Musik zu bieten hatte.
Jedes Jahr türmt sich schon während des Erstellens unserer Favoritenliste ein Berg an Werken auf, die nicht minder hörenswert sind, die oft aber zu abwegig, zu genrespeziell oder einfach zu unbekannt waren, um genug Stimmen für den großen Konsens zu finden. Damit wir nicht so jedes Mal vor lauter Reue und Bedauern versinken (und weil sich manche von euch eben auch eine Liste mit Musik wünschen, über die ihr nicht schon das ganze Jahr lang bei uns und anderen lesen konntet), haben wir unsere „Geheime Beute“, in der wir 30 heimliche Lieblinge und randständige Juwelen versammeln. Wir hoffen, es gibt dabei für euch noch so einiges zu entdecken.
Zu lange Songs kann jeder schreiben. Kaum jemand aber kann es mit Courtney Barnett aufnehmen, bei der die zu langen Songs immer genau die richtige Länge haben. „The Double EP“ (zusammengesetzt aus zwei 2012 und 2013 veröffentlichten Kleinformaten, aber auch als notdürftiges Album sehr stimmig) ist großartig im Immer-noch-etwas-Weitergehen und Kein-Ende-Finden. Die Songs hoppeln um vermeintlich letzte Ecken, kriechen über vermeintlich erreichte Ziellinien – und setzen dann doch noch mal an. Das reicht für Slacker-Folkrock mit Vorbildcharakter, wirft in der Bob-Dylan-Halsumdrehung von „Avant Gardener“ aber auch eines der besten Stücke des Jahres ab. (Daniel Gerhardt)
„They made a list about Chicago rappers and they skipped me.“ Nach der Veröffentlichung von „INNANETAPE“ dürfte es wohl kein Magazin mehr geben, das Vic Mensa mit Missachtung straft und ihm einen Platz in der Liste der vielversprechenden Rapper Chicagos verwehrt. Zuvor hatte man ihn hauptsächlich als Mitglied der mittlerweile aufgelösten Band Kids These Days wahrgenommen oder als Kopie seines Kumpels Chance The Rapper abgetan. Doch trotz stimmlicher und stilistischer Ähnlichkeiten hat Mensa mit „INNANETAPE“ ein eigenständiges Werk abgeliefert, das im Vergleich zu „Acid Rap“ nicht ganz so eklektisch und überdreht daherkommt, dafür sonnig-entspannte („Orange Soda“, „Lovely Day“), sehr besonnene („Holy Holy“ mit Ab-Soul) und triumphale Momente („That Nigga“) vereint. (Daniel Welsch)
Quer durch die Stilbank bedienten sich BeatmacherInnen in den vergangenen Monaten des Amen-Breaks und genereller Jungle-Vibes für ihre Bassmusik, als habe irgendwo ein Sample-Räumungsverkauf stattgefunden. Drum’n’Bass-Produzent Felix K hingegen kommt aus der Richtung des Dekonstruierenden, seine „Flowers Of Destruction” reduzieren Breakbeats auf ein knöchriges, gelegentlich um Schellenperkussion augmentiertes Skelett und noch ausgehohlter, bis sie nur noch als geisterhaftes Echo pulsieren. Mehr als alles andere erinnert das mit seiner beeindruckenden, ominösen Atmosphäre und unheilvoll runtergepitchten Vocals an Shackletons frühe Dubsteppereien, doch K ist basssprachlich versiert genug, um hiermit seine gänzlich eigenen Visionen zu manifestieren. (Uli Eulenbruch)
Die Garage ist so groß wie die Galaxie. Mindestens! So muss es zumindest sein, denn jedes Jahr bespielen unzählige neue wie alte Bands diesen „Ort“ kollektiver, nostalgischer Erinnerung an adoleszenten Aufbruch und juvenilen Ungehorsam. Radioactivity (benannt nach einem Kraftwerk-Album! …na, wohl eher nicht, wäre aber lustig) gehören auch dazu, als Band sind sie neu, als Musiker jedoch alte Hasen im Genre, spielen oder spielten sie doch in namhaften Garage-Combos wie den Mind Spiders. So sollte es nicht verwundern, wenn sie ausgesprochen gekonnt und mitreißend einen Cocktail aus der Tradition der Ramones und Wipers mixen und diesen beeindruckend runterrocken. Das ist natürlich nicht neu und es gibt so viele gute bis sehr gute Garage Rock Platten auf dieser Welt, vermutlich so viele wie Sterne am Himmel, und dies ist nur eine davon – die aber lohnt es, entdeckt zu werden. (Mark-Oliver Schröder)
Mit zärtlicher Härte erschaffen SubRosa auf „More Constant Than The Gods“ turmhohe rauschhafte Klangkathedralen. Doom in seiner ganzen epischen Auffassung beherrscht das Album, wenn Rebecca Vernon und Jason McFarland zu wahlweise verzweifelnder Kargheit oder tosender Wucht in „The Usher“ duettieren, wenn Gitarren sich zu giftigen Echokaskaden hochschaukeln oder auch die brodelnden Zwischentöne irgendwo zwischen schwelender Vorhölle oder erlösender Katharsis verschwimmen. Und doch ist da diese unterschwellige Romantik, die nicht nur in den ruhigen, geradezu folkinfizierten Passagen für einen wohligen Ausgleich sorgt. Es ist hart, jedoch nie brutal, was auf „More Constant Than The Gods“ passiert, gerade so eingängig und bedächtig dosiert, dass man sich darin verlieren könnte. Doch nur einen Schritt weiter bricht das nächste Donnergrollen los und springt von hinten ins Genick. (Carl Ackfeld)
Dass man sich nach den zwölf Stücken von „Dissed And Dismissed“ völlig zufrieden fühlt, obwohl sie im Schnitt keine Minute dauern, ist dem herausragenden Talent ihres Machers geschuldet. Tony Molina kann die Essenz von angepunktem Powerpop zwischen Teenage Fanclub, Weezer und Guided By Voices auf eine einzelne Strophe von solcher melodischer Stärke destillieren, dass er in krimineller Missachtung von Songwriting-Gesetzen selten einen Refrain, geschweige denn eine zweite Strophe braucht, sondern oft nur noch ein knackiges Solo vom Stapel lässt und getaner Arbeit nach Hause gehen kann – wo er sich wohl gleich den nächsten meisterlichen Einminüter erträumt. (Uli Eulenbruch)
Nur mal kurz die Eckdaten: Shara Worden singt, Bryce Dessner spielt Gitarre, Nico Muhly Klavier und Owen Pallett kümmert sich um die Streicher. Dies ist keine Supergroup nach AUFTOUREN-Gusto, sondern die Besetzung des fünfsätzigen „Death Speaks“ von Komponist David Lang. Seine scheinbar schwerelosen Kompositionen orientieren sich an den Kunstliedern Franz Schuberts und stellen die Fragen nach Leben und Tod als neoklassische Suite. Zuweilen an der Grenze zur Meditation klingt „Death Speaks“ wie eine sich aus romantischer Verklärung erhebende Reise zu den eigenen Urängsten, ohne jedoch irgendwie ins Pathetische abzudriften. Meditativer, da weitaus reduzierter geht Lang auf dem Albumbegleiter „Depart“ vor, einem fast schon kristallenen, ambienten Konzentrat aus vier Frauenstimmen und einem Cello. (Carl Ackfeld)
Neben Metal jagte noch ein anderes Genre, welches nicht unbedingt für ausgeprägten Hang zu fortwährendem Innovationswillen bekannt ist, 2013 von einer tollen Veröffentlichung zur nächsten: Hardcore. Das Debüt von HOAX machte eindrucksvoll deutlich, warum Hardcore-Punk auch 2013 immer noch wertvoll ist: Die Gitarren bis zum Anschlag auf Säge mit Hang zum lustvollen Geriffe und Lärm, misanthropes Gebell voller Aggression auf den Staat, die Gesellschaft, die Menschheit und sich selbst, eine ausgefuchste Rhythmusgruppe und ein Songwriting, das weiß, wann Geschwindigkeit gemacht und wann die Bremse getreten werden muss. Mehr braucht’s nicht! Und – klar – keiner ihrer Songs geht über die 2:30-Minutenmarke. (Mark-Oliver Schröder)
Ob es an der zielgruppenmäßig fragwürdigen Labelwahl des Noiserock-Urgesteins Load liegt, dass dieses lederne Electropop-Goldstück maßlos unterbeachtet blieb? Nicht nur sind Humanbeast mit feinem Gespür für eingängige Melodien um Welten eindrucksvoller als so viele Gruppen der letzten Jahre, die Goth-Allüren als einen Freifahrtschein für faule Atmosphärik und Vocals nahmen, zudem erweist sich die eine Hälfte des Duos als stimmstarke und ausdrucksvolle Textinterpretin. Am Konfrontativsten wird „Venus Ejaculates Into The Banquet“ noch, wenn sie die Stimme zu solch einem Banshee-artigen Volumen erhebt, dass sich die Nackenhaare senkrecht aufstellen und fluchtartig aus ihren Wurzeln bersten – aber diese Momente nutzen Humanbeast ebenso wohlgezielt zur Stimmungserzeugung wie maßvolle noisige Verfremdungen. (Uli Eulenbruch)
PINS sind wütend und kraftvoll. Mit viel Gespür für düsteren Garagerock brettern die vier Mädels um Sängerin Faith Holgate relativ humorlos durch ihr gut dreißig Minuten langes Album und verbreiten dabei betretene Stimmung der besten Sorte. Doch so trist die Stimmung auch scheinen mag, PINS entlocken ihr jede Menge Spektakel und Abwechslung. Mit der Lust am Unperfekten klingen 80er-Jahre-Janglerock-Reminiszenzen brüchiger als ihre Urahnen und können sich doch wie im erzählten „Velvet Morning“ nicht einmal einem Quäntchen Eleganz verwehren. Wer neben den gefeierten Savages noch eine garstigere Alternative sucht: Hier darf bedenkenlos zugegriffen werden. (Carl Ackfeld)
Den Preis für den dümmlichsten Bandnamen 2013 kann ihnen kaum jemand streitig machen. Musikalisch spielen Bed Wettin‘ Bad Boys aus Australien allerdings in einer ganz anderen Liga, „Ready For Boredom“ entwickelte sich intern zu einem absoluten Liebling und hätte es fast in unsere Top 50 geschafft. Das hat nun leider nicht geklappt, daher sei jedem dieses Kleinod an Indie-Slacker-Rock an dieser Stelle aufs Wärmste ans Herz gelegt, denn Bands, die unausgesprochene Lebensweisheiten in solche Zeilen, wie „I wanna be bored, you wanna be bored. We’re ready for boredom, baby!“ übersetzen können, haben neben Respekt nahezu kultische Verehrung verdient. Und es vergeht, seit ich dieses Album habe und wenn ich draußen bin, kein Abend, an dem ich nicht einen seiner Songs spiele. (Mark-Oliver Schröder)
Zugegeben, Muso an dieser Stelle als Geheimtipp zu verkaufen, ist gelinde gesagt grenzwertig. Dass sein Debütalbum „Straciatella Now“ dann doch nicht so einschlug, wie sich das einige Medienschaffende erträumten, die ihn allen Ernstes zum neuen Casper oder Cro auserkoren hatten, muss allerdings auch erstmal so stehen bleiben. Der Grund dafür: Musos abstrakter Flow, seine assoziativen und oft beklemmenden Texte und die an Cloudrap und Elektropop angelehnte Produktion sind zumindest für die deutschen Charts wahrscheinlich immer noch viel zu weit draußen. Seien wir also froh, dass wir den jungen Mann mit dem schönen bürgerlichen Namen Daniel Giovanni Musumeci in naher Zukunft erst einmal nicht beim Phrasendreschen in irgendwelchen TV-Shows erleben müssen und genießen stattdessen ein Album, das sicherlich zu den spannendsten Deutschrap-Entwürfen der letzten Jahre zählt. (Bastian Heider)
Irgendwo zwischen Riot Grrrl und dem freundlichen, verträumten US-Indiepop der Jetztzeit muss man wohl Chastity Belt verorten. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist dabei neben dem etwas eigentümlichen, derben Humor recht simpel: Es sind schlicht und einfach die überragenden Songs, die „No Regerts“ zu einem der überzeugendsten Indiepop-Alben des Jahres machen. Ein erstaunliches Gespür für Dynamik sorgt zwischen getragenem Midtempo und treibenderen, ja punkigen Stücken für wesentlich mehr Variantenreichtum als man dem guten, alten Prinzip des Rock-Vierers eigentlich noch zugetraut hätte. Wer Real Estate und Veronica Falls schon im Regal stehen hat, sollte für die grundsympathischen Seattlerinnen spätestens jetzt schleunigst noch ein Plätzchen freiräumen. (Bastian Heider)
Wer schon die Mixe aus dem Hause Night Slugs und seines US-Schwesterlabels Fade To Mind gehört hat, dürfte kaum davon überrascht sein, dass sich die Produktionen von Girl Unit oder Kingdom vorzüglich mit R’n’B-Vocals paaren, schließlich erwuchsen daraus schon glorreiche Verbindungen wie diese. Auf dem exquisiten „CUT 4 ME“ denkt Kelela diese Zusammenkunft einen Schritt weiter, mit einem Allstar-Team der beiden Labels kollaboriert sie für ihre eigenen Songs, auf denen sie die ungewöhnliche Topographie dieser Produktionen intuitiv navigiert und futuristische Bassvisionen mit Seele erschafft. Wer das R’n’B-Nachwuchstalent 2013 hören will, kann ihr Mixtape in recht guter Qualität sogar umsonst herunterladen. (Uli Eulenbruch)
Auch wenn die Synths im Klimax von „Uraanisula“ psychedelisch rumschwurbeln, dass sich alles zu drehen beginnt: Zu eitlem Rumgenudel verkommt „Valonielu” nie, denn die finnischen Space-Metaller wissen ihren grandiosen kosmischen Trip mit Groove und starken Riffs zu fundieren. “Reikä“ schwelt sogar mit wenig mehr als spukigen Oszillationen, die eher nach Goblin als nach Geisterbahn klingen, als Kontrast bersten die mittleren Stücke auf jeder Albumhälfte, als wären beim Verstärker ein paar Widerstände rausgeflogen. Vor allem aber sind die beiden Langstreckenstücke derart taktvoll komponiert, dass sie bei aller kolossartigen Imposanz hookreich dazu einladen, an ihrer Gipfel- und Talfahrt teilzunehmen. (Uli Eulenbruch)
Einer der Faktoren für die Vitalität britischen Grimes vor einem Jahrzehnt war die recht simple Soundpalette, welche die Produktion zugleich leicht für Neulinge zugänglich machte, einen irrsinnig hohen Materialausstoß wie den von Wiley ermöglicht(e) und die Kreativität anspornte, aus der Beschränkung immer wieder Neues rauszuholen. Auch der Neo-Grimer Logos zaubert immer wieder neue Druck- und Flusskonstellationen aus gesampelter Pistolen-Entsicherung und metallisch schabenden Drums, doch statt zu explodieren schwelen seine Instrumentals meist unheilvoll, voller Leerraum oder ganz basslos. Erst zur Mitte hin erwacht das Album zum Leben, “Cold Mission” wartet sogar mit schönen Melodien auf, bleibt aber vor allem in seiner Ereignislosigkeit mitreißend. (Uli Eulenbruch)
Das Erstaunlichste und wirklich Überwältigende an „Torres“ ist der heilige Ernst, mit dem Mackenzie Scott die zehn Lieder ihres Debütalbums singt. Das Themenfeld ist klar abgesteckt, Titel wie „Jealousy & I“, „Come To Terms“ oder „Don’t Run Away, Emilie“ funktionieren meistens auch als Songzusammenfassung. Scott aber spielt clever mit Erzählperspektiven und -strukturen, singt schon mal mehrere Rollen im selben Song und kann sich auf Lieder verlassen, die formell vielleicht Folkrock sind, sich aber schicksalhafter, schwerwiegender und eben ernster anfühlen. Harte Platte also, und das ist nur gerecht. (Daniel Gerhardt)
Ovlov spielen im Zeitalter des Post-Irgendwas einen ausgesprochen aufregenden Prä-Grunge, wie er seinerzeit 1985 bis ’88 besonders von Dinosaur Jr. rausgedroschen und etabliert wurde: Laute Gitarren bis zum Anschlag verzerrt, lange psychedelische Soli, der Bass treibend, das Schlagzeug furios wirbelnd, der Gesang angenehm vernuschelt ins Chaos eingebettet und der Sound ist so erdig gehalten, dass man den Dreck fast schmecken kann. Retromania? Klar, aber Currywurst isst man (ausgenommen, man ist Veganer und Vegetarier) ja auch immer wieder gerne, weil die Soße zur Wurst an allen Buden neu und anders schmeckt (für Falafel ist dies natürlich auch gültig). (Mark-Oliver Schröder)
In Zeiten, in denen nicht selten das Ende oder wenigstens der Untergang des Jazz postuliert wird, wirkt ein umtriebiger Musiker wie Mats Gustafsson äußerst erfrischend. Solange es Künstler wie ihn gibt, ist dieses Genre noch voller Leben – trotz der zunehmenden Vereinnahmung durch Pop und Soul. Fast jedes der unzähligen Alben, auf denen Gustafsson seine Saxophon-Spuren hinterlässt, lohnt in der Anschaffung und erweitert den Horizont. So auch das zweite Fire!-Album im Jahre 2013. Dafür, dass „(Without Noticing)“ nicht in Free Jazz abgleitet, sondern sich richtige „Songs“ auf ihm finden, zeichnen sich die ehemaligen und sehr geschätzten Mitglieder von Tape beziehungsweise Wildbirds & Peacedrums, Jonas Berthling (Bass) und Andreas Werliin (Drums), verantwortlich. Rauer psychedelischer Jazz, der mit einem Auge ehrfürchtig zu seinen Vorbildern aufschaut, aber mit dem anderen in die Zukunft schielt. Abseits des Mainstream-Jazz liegen etliche Perlen am Wegesrand verstreut, „(Without Noticing)“ ist eine davon. (Constantin Rücker)
Mit dem offiziellen Debüt von RP Boo und DJ Rashads „Double Cup“, die sicher auch dank prominenter Labelplatzierung auf Planet Mu und Hyperdub weite Beachtung fanden, hatte Jukes und Footworks Heimat Chicago ein besonders prominentes Albumjahr. Doch längst ist der Sound weit über eine Stadt und auch die USA hinausgewachsen, bestes Beispiel dafür war der mächtige Einstünder der Yokohamaer Produzentengruppe Paisley Parks. Mit biestigem Perkussionspeitschen und herausstechenden Schnippel-Vocals ist „Бh○§†“ geladene Battle-Munition, doch Paisley Parks scheuen auch nicht vor ebenso wüster Abstraktion ihrer Drum-Muster zurück. Neben eingängigeren Stücken in der Mitte, die bis in traumhafte Weichheit driften, hilft die recht kurze Dauer der Tracks, das prima sequenzierte Album auch für den Heimgebrauch verdaubar zu halten – auch wenn es eher Footwork für Fortgeschrittene repräsentiert. (Uli Eulenbruch)
Bislang war Alex MacFarlane eher ein indirekter Qualitätsgarant, wie Mikey Young produzierte er für Bands aus der Melbourner Indierock-Szene durchweg herausragende Alben. Eben Young nahm sich nun des Debütalbums von MacFarlanes eigener Band an, das nicht nur über die Krakelcollagen des Booklets Erinnerungen an Pavement und Guided By Voices weckt. „A History Of Hygiene“ versammelt zur Hälfte Lo-Fi-Heimaufnahmen von MacFarlane und Co-Sänger und -Songwriter Travis Macdonald, zur anderen Hälfte Jangle-Rock in voller Bandbesetzung, was schon bei weniger als 24 Songs einen chaotischen Mischmach befürchten ließe. Doch The Stevens gelingt der Balanceakt, weil die belebteren Stücke ebenso eingängige Melodien auffahren wie die intimeren Songs schlechtwettergelaunt das Tempo rausnehmen – selten für mehr als zwei Minuten. (Uli Eulenbruch)
„Through A Pre-Memory“ ist die überraschendste und in ihrem konsequenten Zusammendenken von Minimalelektronik und Doom konsequenteste Weiterentwicklung von „Illbient“, seit Skiz Fernando diesen Begriff 1995 für sein WordSound-Imperium eingeführt hat. Die Wucht und der mentale Sogn den Mika Vainio und Stephen O‘Malley mit diesem Album erzeugen, das in seinem Aufbau eher einer klassischen Suite folgt als überkommenen Techno- oder Rocktraditionen, sind schlichtweg angsteinflößend und machen „Through A Pre-Memory“ in meinen Augen zu einer der Veröffentlichungen des abgelaufenen Jahres. (Mark-Oliver Schröder)
Gewisse Ähnlichkeiten von „City Pulse“ mit „channel ORANGE“ – vor allem die Albumkonstruktion, in der anfangs unscheinbar opulente Stücke über Spoken-Word-Samples ineinander fließen – kommen nicht von Irgendwoher, schließlich legte Om’mas Keith die Arbeiten an seinem Solodebüt eine Weile auf Eis, um Frank Ocean bei der Studioumsetzung seiner Songs zu helfen. Doch trotz kurzen Thundercat-Bass-Gastspiels ist der electro-funkende R’n’B von „You Know What I Like“ näher an The-Dream, Miguel oder auch Prince, Keiths lebhafte Passionslieder sind von quietschenden Autoreifen und dem Neonfunkeln der Großstädte erfüllt, die er weltweit betourte. So fungiert das gratis herunterladbare „City Pulse“ nebenher fast als positives Gegenstück zum abgehangenen Nihilismus des diesjährigen Weeknd-Albums. (Uli Eulenbruch)
DM Stith ist zurück und kaum jemand hat’s gemerkt. Doch auf „Scorpio Little Devil“ beschwört er gemeinsam mit John Mark Lapham als The Revival Hour wiederum allerlei lichtscheues Gesindel. Anders als bei seinen Alleingängen gönnt er sich aber elektronisches Beiwerk der verstiegensten Sorte, die Lapham wahrscheinlich von seinen früheren Tätigkeiten bei Autio oder The Earlies aufgegabelt hat. Die aussergewöhnliche Stimme und das wogende, zuweilen wie in „Hold Back“ aufbrausende Klangbild geben nur langsam preis, welch anziehende Wirkung „Scorpio Little Devil“ mit sich bringt. Genau darin und in der unglaublichen Detailverliebtheit liegen die Stärken des Albums, das mit „Riverbody“ den vielleicht besten DM-Stith-Song aller Zeiten enthält. (Carl Ackfeld)
Zwischen dem wenig markanten Künstlernamen, dem unwürdigen Artwork, dem fast nur digitalen Vertrieb und der leicht als Four Tet/Caribou-Imitat abfertigbaren Musik auf „Nonfiction“ war es fast, als wollte The Range auf keinen Fall herausstehen. Bunthübsch plinkert, plonkert und gelegentlich glockenläutet es über verschnittenen Vocal-Samples und hibbeligen Basskissen, deren dezente Breakbeat-Ausbrüche zur Albummitte noch originell wirkten, wären sie nicht ausgerechnet 2013 passiert. „Nonfiction“s Stärke liegt im perkussiven und emotionalen Eigenleben, das The Range heraufbeschwört, in ungewissen Stimmen und Melodien erwachsen kontrastreiche Herzen zu dem wilden Gliederschwingen um sie herum. (Uli Eulenbruch)
Unnahbar beim ersten Date. Vor dem flüchtigen Beobachter können The Rational Academy sich noch hinter massiven Noise- und Drone-Wänden verbergen. Jede weitere Begegnung lässt die Schutzmauer dann aber bröckeln wie den Putz an den Altbauten in Dortmund-Scharnhorst. Ähnlich wie die frühen Aereogramme fremdweht der Gesang Benjamin Thompsons durch Songs wie „夏 夫 (Summer Husbands)“ oder „Let It Bleed“ und bildet den fragilen und meditativen Gegenpol zur lautstarken Instrumentierung. Ein Album, so aufwühlend wie eine frische Beziehung, so sehnsüchtig wie die Zeit davor – oder danach. (Pascal Weiß)
Dies ist ein Album, das sich länger anfühlt, als es ist. Und größer. Was als sein Triumph zu werten ist, denn hier ist der Titel das Konzept, nicht weniger als die gewaltige, schöne, unbarmherzige Weite des kalten Weltalls evoziert der Brite Roly Porter über gerade mal 35 Minuten. Von „Cloud“s umsägtem Stakkato über brodelnden Ambient bis zu „Giant“s monströsem Dronebersten hält Porter seine Stücke präzise umrissen, und doch klangdynamisch immens wirkend. „Life Cycle Of A Massive Star“ beweist in einem Meer aus Improv-Tapes und CD-R-füllenden Einzelstücken, dass auch im Bereich der Klangpanoramik höchst ökonomisch komponiert werden kann. (Uli Eulenbruch)
Es ist der erste Moment, in dem Nadine Shah zu singen beginnt. Ein leichtes Kräuseln der Nackenhaare, ein Schauer einer plötzlichen Gänsehaut. Das metallische, perkussive Schlagzeug tut ein Übriges und schon wird „Love Your Dum And Mad“ zu einem Album, das ungeheuer fesselnd und einnehmend ist. Musikalisch bewegt sich Shah zwischen Nick Cave und PJ Harvey, mit eben genau dem Extraschuß Drama, der ihre Stücke so unwiderstehlich macht. Dazu reicht sie eine tiefe Melancholie, die den teils rissigen, gerne auch biographischen Texten mehr Gehalt verleiht. Derart ausgerüstet wetteifert sie mit dem Teufel um die Vorherrschaft der Düsternis, welche sie im irrlichternden „Devil“ und im trübsinnigen „Dreary Town“ meisterlich erreicht. (Carl Ackfeld)
Trotz Eigenproduktion ist Owels Debüt kein kleindimensioniertes Rockalbum. Instrumentalrockige Streicher und Gitarren tragen das Emo- bis Yorke-Falsett von Jay Sakong hoch und weit, als würden die Sunny Day Real Estate und Smashing Pumpkins der Frühneunziger nebst Sigur Rós die gleiche Bühne der großen Gefühlsarena bespielen. In „The Unforgiving Tide“ kommt alles zusammen, was dieses Album ausmacht: die sichere Melodieführung, die großen Gitarren- und Geigenwände, das kontrastierend kleine Glockenspiel und Fingerpicking, das Auf- und Abwellen von Musik und Gefühl in Einheit unter goldigem Gesang. Es wird schon fast zuviel. Aber nur fast. (Uli Eulenbruch)
Understatement ist ein wesentlicher Teil der Wirkungskraft von Segues dubbigem Ambient-Techno. Tief in seinem Nebel schleichen die Melodien eher umher, als dass sie dick aufgefahren würden. Feuchtes Knacken und Quietschen und noch tiefer verwobenes Wind- bis Wellenrauschen zeichnen Echoräume, die naturnah scheinen, aber keine bloßen Abbilder sind. Derart tief zieht und lullt „Pacifica“ in seine eigene Welt, dass es umso grandioser wird, als kurz vor Schluss mit “Ocean” dann doch ein großer, heller Ausbruch geschieht. (Uli Eulenbruch)