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Raime – Quarter Turns Over A Living Line

Die unzähligen, in einem kaum zu überblickenden Begriffsdschungel aus „Post-Irgendwas“ ausdifferenzierten Genres „urbaner“ elektronischer Musik haben oft eines gemeinsam. Neben dem unermüdlichen Fortschrittsglauben lebt in ihrem repetitiven Element eine Monotonie und Düsterkeit, welche die Großstadt als kalten, menschenfeindlichen Moloch charakterisiert.

Doch während etwa Burial den perfekten Soundtrack zu nächtlich pulsierenden Straßenschluchten liefert, wagt sich das ebenfalls aus London stammende Duo Raime mit seinem Debütalbum an Orte, zu denen garantiert kein Licht mehr durchdringt. Um in der Anfangsmetapher zu bleiben: Raime machen Musik für modrige Abwasserkanäle und verlassene U-Bahnschächte, dort wo der Beat der Metropole manchmal nicht mehr als ein hallender Wassertropfen oder vorsichtig tastende Schritte in der Dunkelheit bedeutet. „Quarter Turns Over A Living Line“ ist eines der schwärzesten in einem an düsteren Alben sicherlich nicht armen Jahr.

Stilistisch vermengen sich dabei Reste aus Industrial und Gothic, schockgefrostetem Dub und (nachzuvollziehen im FACT-Mix) Spuren von rohem 90er-Jungle zu einer kargen Meditation, die schwer in ihren Bann zieht. Ein motorähnlicher Brummsound wabert im Eröffnungstrack „Passed Over Trails“ durch endlose Echokammern und bläht sich hallend und kreischend  zur verzehrten Fratze auf. Erst im zweiten Stück setzt ein skelettierter Jungle-Rhythmus und später die schleichende Basstrommel ein. In ihrem Minimalismus erinnern Raime eher an die Zeremonienmeister der Langsamkeit von Bohren & der Club Of Gore als an naheliegende Genreverwandte wie Andy Stott. Ihre Stärke liegt in den klingenden Zwischenräumen, den Lynch’schen Irritationen, die sich zwischen den schleppenden Beat schleichen. Ein beklemmendes Schaben und Hämmern, durch Mark und Bein echoende Soundfetzen, die in seltenen Momenten entfernt an menschliches Ächzen oder Schreien erinnern. „Quarter Turns Over A Living Line“ hat bei aller Ruhe und Meditativität gewiss kein Easy Listening im Sinn.

Gegen Ende des Albums bäumt sich die vertonte Postapokalypse dann endgültig zur vollen Größe auf, indem sie die bereits recht krude, stilistische Ausgangskombination um eine entscheidende Komponente erweitert. Drone-Lärm von beinahe an Sunn O))) reichenden Dimensionen durchdringt in „Your Cast Will Tire“ die vorausgehende Leere. Im Zeitlupentempo offenbart sich nach und nach ein psychedelisches Doom-Inferno. Die Intensität und Urgewalt dieses Tracks behalten Raime auch weiterhin bei. Der Abschluss „The Dimming Of A Road And Rights“ beginnt zwar gewohnt unbeeindruckt und kühl, legt sein immenses Gewicht aber voll und ganz in die mehrfach und kraftvoll nachhallende Bassdrum, die das Stück eindrucksvoll und unversöhnlich ausfaden lässt. Die umgebenden Field-Sounds lassen nun mehr als zuvor einen kläglichen Rest menschlichen Ursprungs erkennen. Hoffnung birgt dieser jedoch nicht.

Raimes klanggewordener Existenzialismus gelingt, ohne jemals den Bogen zu überspannen. Die sieben Tracks verpacken ihre kalte Monotonie in  erstaunlich kompakte Dosen von fünf bis sechs Minuten. Nun sollte Konsumentenfreundlichkeit sicherlich nicht das ausschlaggebende Beurteilungsmerkmal dieser Musik sein, doch wo andere durch ewiglanges Auswalzen und Überstrapazieren bewusst quälen und anöden, fokussieren sich Raime gekonnt aufs Wesentliche. Das Ergebnis klingt letztendlich nicht nur verstörend, sondern auch verstörend gut.

Label: Blackest Ever Black

Referenzen: Demdike Stare, Burial, Ben Frost, Vessel, Swans, Bohren & Der Club Of Gore, Earth, SunnO)))

Links: Blackest Ever Black | Soundcloud

VÖ: 30.11.2012

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