
Heintje: “Heidschi Bumbeidschi”, November 1968
Was sollen wir nur mit Heintje anfangen? „Heidschi Bumbeidschi“ ist seine dritte Nr. 1 innerhalb eines halben Jahres, aber neuartig ist daran nichts.
Wie bereits „Mama“ und „Du Sollst Nicht Weinen“ wurde es nicht eigens für ihn geschrieben, anders als bei diesen sind die Urheber jedoch unbekannt. Das immerhin ist neu, was sich von Arrangement und Interpretation nicht sagen lässt.
„Müsste der nicht längst im Bett sein?“: Heintje erquickt die vor Rührung rauchenden Gäste eines Biergartens.
„Heidschi Bumbeidschi“ ist ein aller Wahrscheinlichkeit nach aus Böhmen, einem Gebiet des heutigen Tschechiens, stammendes Wiegenlied. Ein solches sollte ja bereits von Haus aus sanft und einlullend sein, den Produzenten aber war es damit offensichtlich nicht genug. Es ist nicht einfach nur so, dass in Heintjes Version die Gefälligkeit wie gewohnt maßlos übertrieben wird (man beachte bitte den Einsatz von Chor und Halleffekt), auch der Text wurde wieder geändert.
Bei Heintje heißt es erst:
„Aber Heidschi Bumbeidschi es schlafen,
am Himmel die Schäflein, die braven.
Sie ziehen dahin, an dem himmlischen Zelt,
vergessen den Schmerz und den Kummer der Welt.
(…)
Aber Heidschi Bumbeidschi wirst sehen,
wie schnell alle Sorgen vergehen.
Und bist du auch einsam und bist so allein,
bald schau’n ja die Engel zum Fenster herein,“
dann plötzlich:
„Aber Heidschi Bumbeidschi schlaf lange,
und ist auch dein Mutter gegangen.
Und ist sie gegangen und kehrt nicht mehr heim,
und lässt ihr klein’s Bübchen so ganz allein,“
was für seine Verhältnisse zugegeben hart ist. Die Bedrohlichkeit seiner Variante bleibt dennoch weit hinter der tradierten Version zurück. Dort beginnt das Lied folgendermaßen:
„Aber heidschi bumbeidschi, schlaf lange,
es is ja dein Muatter ausgange,
sie is ja ausganga und kimmt nimma hoam
und lasst dös kloan Büabale ganz alloan (…)“
und endet mit der wenig trostreichen Strophe
„Und da Heidschi-Bumbeidschi is kumma
und hat ma mei Büaberl mitg’numma.
Er hat ma‘s mitg’numma und hat‘s neama bracht,
drum wünsch i mein’ Büaberl a recht guate Nacht.“
In beiden Versionen gibt es Engel und Sterne, in der ursprünglichen jedoch erst, nachdem klar gemacht wurde, die Mutter komme nicht mehr zurück, dazu noch schließt es mit der Erzählung eines Kindesraubs. „Wirst sehen wie schnell alle Sorgen vergehen,“ dieser Trost aus Heintjes Version bleibt hier verwehrt.
Denn selbstverständlich ist Toben und Quatschen schöner als Schlafen, macht Grimassieren (ebenfalls damals üblich: „Mach das nicht, wenn die Uhr schlägt, bleibt dein Gesicht so!“) Spaß und ist das Herumstreifen an unbekannten Orten aufregend. Warum also damit aufhören? Diese Frage ist durchaus berechtigt, ihre Beantwortung jedoch nicht immer logisch möglich. Warum schlafen, wenn man doch noch nicht müde ist und spielen kann? Einleuchtende sachliche Argumente („Du musst morgen früh aufstehen“ dürfte für Kinder wenig plausibel sein) lassen sich dafür schwerlich finden. Dennoch ist die Drohung mit unheimlichen Gestalten äußerst unpassend und beileibe nicht die einzige Möglichkeit, einen Kompromiss zu finden, Zuwendung und Rituale funktionieren bestens und sind mit Sicherheit der Beziehung zwischen Eltern und Kind zuträglicher. Gruseln wird sich ein Kind so oder so, dazu braucht es keine Eltern, nur dabei (falls es wen interessiert: Ja, der Autor ist Vater).
Wer genau der Kinder entführende Heidschi Bumbeidschi des Wiegenliedes auch sein mag, nett ist er nicht und allzu idyllisch geht es im Lied nicht zu. Mutter weg, Kind weg, das kann nur mögen, wer das Lied vorgesungen bekam und seinen Inhalt nicht verstand. Kauften sich diese Menschen Heintjes Single? Einige von ihnen gewiss, vor allem dann, wenn sie als Teil der deutschböhmischen Minderheit in Tschechien aufgewachsen waren.
Für andere (Kinder ausgenommen) dürfte das über Musik und Film verbreitete, durch Heintje personifizierte Klischee des lieben Kindes mit Engelsstimme gelangt haben, von dem in den beiden bisherigen Folgen zu ihm schon die Rede war und dem sich durch das heutigen Lied nichts hinzufügen lässt. Sein größter Reiz dürfte im offensichtlichen Gegensatz zur Realität bestanden haben, darin, dass Kinder sich nun einmal anders als das Ideal ihrer Eltern verhalten und all diejenigen, die sich als junge Erwachsene 1968 ungebührlich benahmen, vermutlich einst mehr oder minder gehorsame Kinder waren. Mit Heintje konnte eine irreale „gute alte Zeit“ zurückkehren.