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Der Liedschatten (77): Tod ohne Teufel

Tom Jones: “Delilah”, Mai – Juli 1968

Gleich Bob Dylan, Elton John und David Bowie scheint Tom Jones von jeher Teil der Musikindustrie gewesen zu sein, zumindest, seitdem sich ihre Produkte und deren Wirkung als Pop bezeichnen lassen. Wie sie hat er eine von beinahe ungebrochener Präsenz geprägte Karriere mit kommerziellen wie auch künstlerischen Tiefpunkten hinter sich, die mittlerweile über 40 Jahre währt und dementsprechend schwer zu überblicken ist.

Um eine differenzierte Betrachtung geht es aber auch nur in Nischen des Pop, in etwa bei seiner Geschichtsschreibung und Liebhabern, deren Begeisterung sich über die populären Hits hinaus erstreckt. Für allen anderen gibt es handliche Klischees, in etwa den „Protestsänger“ Dylan, „Paradisvogel“ Elton John, „Chamäleon“ David Bowie und eben das „Sexsymbol“ oder auch den, kicher, hüstl und zwinker, „Tiger“ Tom Jones. In einer Reihe betrachtet erinnert das ein wenig an die eindimensionalen Charaktere aus Jugendbüchern oder Trickfilmen. Da gibt es den Denker, den Verrückten, den Wandlungskünstler und Frauenhelden, für jeden Geschmack und jede Situation etwas.

Selbstverständlich hat das mit dem Werk der genannten Künstler und Interpreten wenig zu tun. Auch sie standen nie fernab von technischen Entwicklungen, Moden und möglicherweise eigenen Ambitionen, wobei letzteres eher auf Dylan oder Bowie als Tom Jones zutreffen dürfte. Dagegen spricht auch die Verwendung so unterschiedlichster Genres wie Blue Eyed Souls, Pop, R’n’B, Dance, Country und Show Tunes nicht, stets diente die Musik nur als Fundament für seinen kräftigen Bariton, dessen Vortrag je nach Intention als markant oder arm an Nuancen bezeichnet werden kann. Von einer Aneignung der Genres kann dabei nicht die Rede sein.

Ob er mit The Cardigans 1999 das grandiose „Burning Down The House“ entstellt, mit Mousse T wenig dezent eine „Sex Bomb“ (2000) besingt oder sich von den Synthiepoppern Art Of Noise ein Cover von Prince zusammenschrauben lässt („Kiss“, 1988), er ist stets derselbe wie beim Vortrag von Howlin‘ Wolfs „Evil“ (mit Jack White, 2012), „She’s a Lady“ (1971, Leadgitarre: Jimmy Page) oder zu Beginn seiner Karriere. Der Sound mag sich verändert haben, sein Gesang hat es, von wenig dramatischen Alterungserscheinungen einmal abgesehen, nicht. Wer seinen ersten großen Hit, „It’s Not Unusual“ von 1965, gehört hat, wird Jones immer wieder erkennen können.

http://www.youtube.com/watch?v=zSCnHtugSWg

 „I wanna die“, schnipp, schnipp! Tom Jones hat von jeher eine zu große Stimme für kleine Feinheiten.

Er wurde 1940 als Thomas John Woodward in Wales geboren, den Künstlernamen verlieh ihm sein Manager Gordon Mills, der auch Engelbert Humperdinck betreute und ihn zu Hits wie obigem, „What’s New Pussycat“ und „Thunderball“ verhalf. Wie andere Interpreten und Bands aus Großbritannien wurde er 1965 aufgrund des Erfolges in den USA als Teil einer „British Invasion“ wahrgenommen. Als die Popmusik beim Abflauen dieser ambitionierter wurde, veränderte sich auch Jones Repertoire, was sich in seinem Fall jedoch nicht in dem Wunsch um Anerkennung als Kunst oder neugieriger Verspieltheit niederschlug. Er trat nun als Crooner auf, wobei ihm seine als erotisch und männlich empfundene Erscheinung zustatten gekommen sein dürfte.

Seinem ernsthafteren Image entsprechend handelten die Songs von nun an nicht einfach nur von Liebe. In „Greene, Greeme Grass of Home“ schildert der Protagonist das Wiedersehen mit seiner Familie und der Liebsten, in dessen Anschluss er sich in einer Gefängniszelle kurz vor seiner Hinrichtung wiederfindet, „Detroit City“ erzählt von den Enttäuschungen eines Menschen, der in die Stadt ging, um Fabrikarbeiter zu werden. Auch die nächste Single, „Sixteen Tons“, hat das wenig schöne Leben der amerikanischen Minenarbeiter Mitte des 20. Jahrhunderts zum Gegenstand. Von 1966 bis Mitte 1968 war das Thema sämtlicher Singles entweder solches Elend oder aber missglückte Beziehungen, wobei das Material fast ausschließlich von amerikanischen Countrysängern stammte.

„Delilah“ war zwar wieder eine für Jones angefertigte Komposition, erzählte aber eine ähnliche Geschichte wie „Greene, Greene, Grass of Home“.

http://www.youtube.com/watch?v=8a_T3U1rg2I

 Schwofen zur Moritat: Applaus dem (selbstverständlich fiktiven) Mörder!

Voller Hingabe und voluminös trägt Jones ein Lied vor, in dessen Refrain der Name einer Frau von „my, my, my“ und „why, why, why“ begleitet erklingt, es wird hier also um die Liebe gehen, ganz klar, wahrscheinlich eine sehr leidenschaftliche oder gar leidende. Auch der Dreivierteltakt legt Schwermut und Inbrunst nahe, Xylophon, Streicher und Chor verbreiten Dramatik, die Trompete sorgt für schmerzlich hochgezogene Augenbrauen. Der Mann scheint einiges durchgemacht zu haben, für Genaueres aber müssen wir den Text betrachten, nach einmaligen Hören dürfte, von „my, my, my“ und „why, why, why“ einmal abgesehen, noch nicht alles verständlich sein.

„I saw the light on the night that I passed by her window

I saw the flickering shadows of love on her blind

she was my woman

as she decieved me I watched and went out of my mind“,

alles klar, er wird betrogen. Das kann schon hart sein, so hart, dass er seiner geistigen Gesundheit verlustig geht, der Arme. Hätte er nur besser aufgepasst, denn

„I could see that girl was no good for me

but I was lost like a slave that no man could free“.

Was nun folgt, ist nicht sehr nett.

„At break of day when that man drove away I was waiting

I cross the street to her house and she opened the door

she stood there laughing

I felt the knife in my hand and she laughed no more“,

er stach sie also nieder, da sie ihn betrog. Ganz wohl scheint er sich damit nicht zu fühlen, „forgive me Delilah I just couldn’t take any more“ singt er, bittet also sein verstorbenes Opfer um Vergebung, merkt aber gleichzeitig noch einmal an, dass es nicht auszuhalten war, sich betrogen zu sehen, relativiert also seine Schuld, schließlich war „that girl (…) no good“, und nun hat er den Salat, der Arme.

Das ist wenig sympathisch, schließlich ist das Morden von Menschen, auch aus Eifersucht, höchst unziemlich. Doch wenn es auch nicht schön ist, so ist es doch schaurig, melodramatisch und, einem reichlich hirnrissigen Klischee entsprechend, leidenschaftlich. Und außerdem hören viele Menschen, und da sei ihnen keine böse Absicht unterstellt, gerne etwas von furchtbaren Verbrechen, egal ob diese real oder Gegenstand von Buch und Film sind. Wie schön lässt es sich doch dabei gruseln, wie kitzelig entsetzt fragen, wie „ein Mensch denn so etwas tun kann“, wobei darauf zu entgegnen wäre: überhaupt nicht schön lässt sich danach fragen, ihr tumben Stoffel! Und würdet ihr euch bitte nicht an imaginären Grausamkeiten delektieren, sondern die existenten ächten? Und tut bitte nicht so, als würdet ihr nicht wissen, wozu die Menschen fähig sind, das ist angesichts des Holocausts mehr als geschmacklos. So.

Um aber auf „Delilah“ zurückzukommen, so wäre dazu noch anzumerken, dass die Handlung des Textes vor allem für Nichtmuttersprachler beim erstmaligen Hören nicht im Vordergrund stehen dürfte, sondern Musik und Vortrag, durch die das Stück seine effektive Mehrdeutigkeit erhält. Ist’s ein Trinklied? Eine Zote? Ein Schmachtfetzen? Ohne den Text näher betrachtet zu haben, würden wir es nicht wissen, aber um Wissen dürfte es den Freunden solche Schlager eh nur in Ausnahmefällen gehen, was wiederum kein bisschen liebenswerter ist, als die erzählte Geschichte zu mögen.

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