
Es ist ja so eine Sache mit dem Konsens. Zum Einen ist es schön, wenn man sich nach wochenlangem Abstimmen, hochintellektuellem Debattieren und Haare ziehen endlich auf eine Jahresendliste 2011 geeinigt hat, in der sich alle einigermaßen stark vertreten fühlen.
Andererseits gibt es aber auch immer Unmengen an Musik abseits des Konsens, die aus diversen Gründen nicht in unseren Top 50 Fuß fassen kann, auch wenn sie mit Sicherheit das Zeug dazu hat. Jene meist nur zu unbekannten, oft aber auch populistischen, experimentellen, aufregenden, delikaten, verqueren oder hoffnungslos uncoolen Werke möchten wir euch heute und morgen in einer Auswahl von 30 vorstellen. Viel Spaß mit unserer Geheimen Beute 2011!
Mexikanischer Indierock? Sicher irgendwas mit Mariachis, Wüste oder so! – weit gefehlt, Chikita Violenta sind das beste Zeugnis für die in diesem Fall einmal auschließlich positiven Seiten der Globalisierung, die es völlig gleichgültig werden lassen, wo eine Band letztendlich herkommt. Denn auch ohne Exotenbonus klingt „TRE3S” so dermaßen tolldreist nach kanadischem Breitwand-Indierock, dass es nicht nur eingefleischte Broken-Social-Scene-Fans in Verzückung versetzen dürfte. Heerscharen aus flirrenden Gitarren, traumwandlerisches Stimmengewirr, holprige Beats und diese unnachahmliche “Anything Goes”-Attitüde klangen lange nicht mehr so frisch wie hier. Kein Wunder, dass neben BSS-Sängerin Lisa Lobsinger auch deren Haus- und Hof-Produzent Dave Newfeld seine Finger im Spiel hatte. (Bastian Heider)
Mike Volpe aus New Jersey generiert seine Samples über eine willkürliche Schlagwortsuche aus dem Internet, verfremdet sie, unterfüttert sie mit kruden Beats und entfleuchenden Synthies. Er ist der Prototyp eines typischen Internet-Künstlers, der sich dem verfügbaren Archiv an Klängen bedient und in einer Rolle des Innovators Eigenes daraus formt. Für Lil B schneiderte er einige Beats und die besten Tracks von ASAP Rocky basieren auf seinen HipHop-Instrumentals. Diese klingen oftmals ebenso kleinteilig flirrend wie mächtig dröhnend. Immer ist den Tracks jedoch eine Übernächtigung eingeschrieben, was ihnen eine gewisse Zerrissenheit einhaucht: Hin- und hergerissen zwischen Momenten der totalen Euphorie und einer seufzenden Traurigkeit. Clams Casino war es vergönnt, 2011 aus einer Flut an Beatmachern herauszustechen. Frischer, vielseitiger und emotionaler klang instrumentaler HipHop nie.
PS: Das Album erschien als Gratis-Download und via Type als Doppelvinyl. (Markus Wiludda)
Oh was müssen diese Norweger nett sein! Sie wollen einmal nicht zynisch sein, besingen Olympische Spiele und preisen die Mittelmäßigkeit. Mylittlepony, auch wenn der Bandname, nun, eher korrumpiert anmutet, umarmen ihre Hörer mit weiten Herzen. Der Sound ist warm und beschaulich, die Stimmung süßlich, nicht schmierig, und alles glitzert zart in Jingle-Jangle und Lalala, mit feinsinnigen und beschaulichen Songs. Ein brachial geschossener emotionaler Pfeil, der tötet. Eine herbe Dosis an Niedlichkeit, so krass, dass Mut dazu gehört, sich darin zu verlieren. Daher sind mylittlepony vielleicht auch nur geheime Beute – ist das zu nett? Gibt es „zu nett“? Das Herz verneint. (Sebastian Schreck)
Vor einiger Zeit sorgten Pocahaunted mit exzellenten Veröffentlichungen auf Not Not Fun für einen kleinen Hype. Pocahaunted haben sich inzwischen aufgelöst, doch mit Peaking Lights scheint das Label die perfekten Nachfolger gefunden zu haben. Peaking Lights, ein Ehepaar aus Wisconsin, kombinieren die schon bekannten versponnen Klänge aus Neo-Psychedelica und Drone mit einer spürbaren Portion Dub. Was auf dem Papier kaum gegensätzlicher klingen könnte, stellt sich beim Hören als echter Glücksgriff heraus. „936″ klingt so harmonisch und geschlossen, dass man die Geschichte mit dem Ehepaar glatt hätte erfinden müssen, wenn sie nicht sowieso schon wahr wäre. Ähnlich wie Panda Bears „Tomboy” eine Sommerplatte für den Keller. (Felix Lammert-Siepmann)
Nachdem 2010 u.a. mit Javiera Mena, Gepe und Dënver ein immenses Qualitätsjahr für den chilenischen Pop war, legte mit Alex Anwandter ein weiterer seiner Protagonisten bereits dieses Jahr unter eigenem Namen nach. Anders als sein ‚Odisea‘-Projekt, das die sozialen Unruhen in seiner Umgebung beleuchtete, ist „Rebeldes“ introspektiver, nichtsdestotrotz geschmeidiger Electro-Pop, mal discoid in Bewegung, mal Sandstrand-entspannt. Hingebungsvoll zart singt Anwandter über Liebe im Ketaminschleier, seine Stimme ein Permaseufzen zur goldigen Produktion Christian Heynes. Und egal, wie beschäftigt auch Housepiano und Kuhglocken die Synthläufe begleiten, egal wie melancholisch die Texte, stets bleiben die Songs zwischen diesen Extremen von einer leichtfüßigen Emotionalität beseelt. (Uli Eulenbruch)
Von den dronedurchzogenenen Folkgewittern seiner Vorgänger ist „Dorwytch“ schon ziemlich weit entfernt, leichte Kost bereitet der Multiinstrumentalist Alexander Tucker dennoch nicht. Progressive Gitarrenloops stapeln sich zu eigenwilligen und einnehmenden Folksongs, die dicht an den psychedelischen Auswüchsen britischer Prägung entlangschlittern. Skelette und geheimnisvolle Kreaturen tauchen aus den nebulösen Strukturen auf und werden von Tuckers barmherziger Stimme auf den rechten Weg gebracht. Mit Hilfe illustrer Musiker aus dem Rock-In-Opposition-Umfeld schüttelt Tucker auf „Dorwytch“ mit reichhaltigem Instrumentarium Sehnsuchtsmelodien aus dem Ärmel, die langsam und beharrlich zu großartigen Kunstwerken werden. (Carl Ackfeld)
Das HipHop-Jahr ist meist nur so gut, wie die generelle musikalische Trendfähigkeit eines Jahres. Und um die ist es seit Monaten gut bestellt: Niemals zuvor gab es so viele herausragende Sample-Entwürfe und Beat-Skizzen. Instrumentaler HipHop regiert das Netz – der Allverfügbarkeit sei Dank! Entsprechend sind schnelles Arbeiten und eine zeitnahe Veröffentlichung der Mixtapes die Gebote der Stunde. Während Wugazi oder Death Grips mit martialischem und hartem Crossover aufwarten, setzt die Bay-Area-Crew Main Attrakionz auf einen fließenden, niemals aufdringlichen Klang und berauschte Samples. Vier Mixtapes erschienen in den letzten Monaten, „808s“ ist das schillerndste und am besten produzierte. Blubbernde Beats winden sich hervor, immer ein bisschen tiefenbetäubt, aber nie so wolkenverhangen und neblig, wie es von vielen Rezensenten skizziert wird. Die Atmosphäre ist lichtdurchflutet und wirkt dabei wunderbar entspannt. (Markus Wiludda)
James Ferraro arbeitet konzeptuell, verwirrt den Hörer mit scheinbar bekannten Sounds aus vergangenen Tagen: Er sampelt alte Werbeklänge aus dem US-Fernsehen, zitiert die schrecklichsten Synthies aus 80er-Filmen und folgt mit seinem Aufnahmegerät der Spur von Alltagsklängen. Besonders die Technik hat es ihm angetan: Windows- und SMS-Geräusche, „Skype“-Ploppen und Fahrzeugtür-Schließen sind nur wenige Details unter vielen. Er entzieht diesem Klangdesign die funktionale Umgebung und nutzt sie im Kontext Musik. Das stiftet bewusst Desorientierung zwischen der Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Samples, Zitaten und eigener Klangproduktion. Simon Reynolds‘ Sofortklassiker „Retromania“ liefert den musiktheoretischen Rahmen für diese Art von Archiv-Pop. „Far Side Vitual“ ist das überbordendste und spannendste Hörexperiment des Jahres. (Markus Wiludda)
Schon einen Tick zu offensichtlich scheint es, wenn sich ein Noiserock-Quartett den Namen The Men verpasst. Und tatsächlich: Die melodiösen Gitarrenbretter ihres großartigen dritten Albums „Leave Home“ – des ersten auf Sacred Bones Records – untergraben immer wieder ihre eigene Geradlinigkeit mit stiloffenen Brüchen, die am Image des harten Mannes schaben. Ohnehin sind Stücke wie „Bataille“ oder „Lotus“ näher an hintersinnigem Pigfuck à la Pissed Jeans, scheppernd dröhnen sie voran, ohne eine tief liegende Unruhe überdecken zu können. Wenn Sänger Nick Chiericozzi über dem krautig-motorischen Maschinenbeat des finalen „Night Landing“ endgültig verstummt, versucht sich seine Gitarre nur noch schüchtern leise an einer Melodie, bis auch sie entmutigt aufgibt. Machismo klingt anders. (Uli Eulenbruch)
Der letzte wirklich große Wurf auf Brainfeeder liegt inzwischen eine ganze Weile zurück: Es war vermutlich Anfang 2010 das Album „Cosmogramma“ von Labelchef Steven Ellison aka Flying Lotus, das von einem gewissen Stephen Bruner produziert wurde. Gute 12 Monate – und eine Menge Überzeugungsarbeit Ellisons – später erschien im Sommer 2011 Bruners Debütalbum unter dem Pseudonym Thundercat. Hauptberuflich steht dieser bei der Hardcoreband Suicidal Tendencies am Bass, was man bei der Suche nach Referenzen für sein Soloprojekt jedoch getrost ignorieren kann. Stattdessen bekommt man hier schweißtreibenden Fusionjazz geboten, mit viel Liebe für 70er-Jahre-Bassmusik und einem großen Herz für Dubstep. So schließt „The Golden Age of Apocalypse“ mit Bravour eine nie zuvor erahnte Lücke, irgendwo zwischen Herbie Hancock und Mount Kimbie, den Temptations und Kuedo. (Constantin Rücker)
Dr. Sheldon Cooper hätte seine helle Freude. „El Tren Fantasma“ ist Klangreise, monumentales Field-Recording-Experiment, musikalischer Gratwanderer und historisches Klangdokument in einem. Das ehemalige Cabaret-Voltaire-Mitglied Chris Watson hat mit seiner Aufnahme des stillgelegten ‚Geisterzugs‘ vom Pazifik nach Veracruz nichts anderes aufgenommen als eben die Geräusche, die bei einer Zugfahrt in Mexiko zu hören sind. Bearbeitet, sortiert und zauberhaft kompiliert werden aus Schienenrattern, Lautsprecherdurchsagen, Naturgeräuschen und behutsamen technischen Modifikationen ambiente Strukturen, die sich zu einem wahrhaft bildgewaltigen Kopfkino zusammenfügen. (Carl Ackfeld)
Wenn Grafik- und Innendesigner aus San Francisco Platten aufnehmen, kommen dabei offenbar ebenso geschmackvolle Cover wie chillige Musik heraus. Anders als Tycho, der die Stücke auf „Dive“ recht knapp und Gitarren-balearisch hielt, nimmt Sam Grawe alias Hatchback elektronische Musik der 70er zum Ausgangspunkt einer alternativen Geschichtsschreibung. Sein atemberaubend entschleunigtes „Zeus & Apollo“ versucht in bis zu 20-minütigen Zeitlupengroove-Epen darzulegen, wie eine New-Age-Musik im esoterikfreien Geist ihrer Vorgänger hätte aussehen können. In einer Vermengung von Neo-Classic, Kraut und Ambient weichzeichnet er unter Einsatz von smoothem Saxophon, chinesischer Gesänge und unironischer Enya-Referenz („Orinoco Waltz“) Musik, die so klingt, wie das Albumcover aussieht. (Uli Eulenbruch)
Kopfhörer-House für Um-die-Ecke-Denker wäre wohl eines der Labels, die man Steven Ford alias Bruno Pronsato nicht zu Unrecht anheften könnte. Denn bei dem eigentlich im Indierock aufgewachsenen Kanadier scheint vieles referentieller, vertrackter und subtiler als auf den funktionalen „Four To The Floor“-Tracks seiner Kollegen. Hier verlieren sich Bass Drum, Snare und sanfte Pianosprenkler im Nebel aus Dub-Schleiern. Geisterhafte Vocalfetzen sorgen immer wieder für wohliges Schauern. „Lovers Do” wagt sich dabei in immer tiefere und dunklere Kellerwinkel, wirkt manchmal beinahe beklemmend, lässt aber niemals die nötige Wärme vermissen, die Housemusik naturgemäß am Leben hält. Eine Art verkopfte, aber niemals angestrengte Deepness ist es, die dieses Album zu einem der überragenden seines Jahrgangs macht.(Bastian Heider)
Kaum jemals zuvor wurde aus einem losen Rapper/Künstler/Beatmeister-Kollektiv in so kurzer Zeit ein veritables Marketing-Schlagwort. Odd Future Wolf Gang Kill Them All schaffen es seit inzwischen mehr als fünfzehn Monaten, ohne jegliche Nachlässigkeit im Gerede zu bleiben: Die provokative Verweigerung eines Tyler, The Creator, die Suche nach Earl, die steten Blogtapes von Domo Genesis. Und dann gab es ja auch noch Frank Ocean, der gleich mit seinem ersten Mixtape die Unterscheidbarkeit zwischen Untergrund und Mainstream aufhob. Er sampelt Coldplay oder MGMT und setzt seine jüngliche Stimme in Szene, bis die Eigenständigkeit und persönliche Note mit der ursprünglichen Song-Originalität gleichzieht. Das war dann auch für den Major Def Jux/Island Grund genug, Ocean mit einem hochdotierten Vertrag auszustatten. (Markus Wiludda)
Alan Bishop, von Sun-City Girls-Ruhm gezeichnet, zelebriert auf „Baroque Primitiva“ eine ganze Bandbreite aus Easy Listening, Singer/Songwriter, Folk mit Hang zur Folklore, psychedelischem Flair, knarzigem Lo-Fi und spätabendlicher Zerschossenheit. Dazu Beach-Boys- und James-Bond-Reminiszenzen, die entweder in Krach kulminieren oder so derangiert daherkommen, dass es schwer fällt, den Verweis zu bemerken. Einfacher Barock in der Tat: Große Gesten, mit zitteriger Hand und brüchiger Stimme vorgetragen (Verzweiflung, Dunkelheit …), wie ein heruntergekommener, aber edler Well Known Stranger, ein Elliott Smith mit Willen zum Experiment. (Sebastian Schreck)
Dunkel. Düster. Nebulös. Verstiegen. Zerbrechlich. Einnehmend. Sepiafarben. Dickicht. Undurchsichtig. Fesselnd. Verstört. Rotgolden. Verschleiert. Still. Aufbrausend. Mysteriös. Seltsam. Brüchig. Flüchtig. Kaum ein klassisches Folkalbum, das dieser Tage nicht mit mindestens drei oder mehr dieser Vokabeln beschrieben wird. Doch Matt Bauer verträgt auf „The Jessamine County Book Of The Living“ all diese Begriffe (und das mit Recht), was bei Songs wie dem intimen „Useless Is Your Armor“, dem an Vic Chesnutt erinnernden „White Lakes“ oder dem kargen „Blacklight Horeses“ nur zu deutlich rauszuhören ist. (Carl Ackfeld)
In einer Aufmerksamkeitsökonomie, in der auch vermeintlich kunstvolle Musik hastig und unfertig als Blogfutter ins Netz gestreut wird um ja nicht den Anschluss an Zeitgeistrends zu verlieren, ist Julia Holter eine angenehme Ausnahmeerscheinung, die Dinge Weile haben lässt. Über Jahre feilte sie sowohl an ihrem nächstjährigen Album wie auch am phänomenalen, blitzschnell nach Erscheinen ausverkauften „Tragedy“. Dabei enhält dieses Musik, die zunächst alles andere als Eile fordert. Aufmerksamkeit vor allem, Aufgeschlossenheit und Neugierde darauf, was sich aus den anfangs spärlich gestreuten Klängen entwickelt. Holter breitet mit Piano, Drones, Samples, Perkussion und Spoken Melodies behutsam Kompositionen aus, die sich untereinander in Ansatz und Soundpalette meist völlig unterscheiden. Was sie letztendlich zu einer tief vereinnahmenden Hörnarrative macht, ist eine alles einende Atmosphäre, für die die leerräumigen Pausen, Stockungen und hörbar angehaltener Atem zwischen den Tönen nicht minder elementär sind. (Uli Eulenbruch)
Ein Album als Entwurf eines Trends: DJ Diamond skizziert rhytmisch vertrackte, samplewütige und sehr indirekte Songentwürfe, die für das Label Planet Mu, den Booty House bzw. Juke aus Chicago und vor allem: Footwork stehen. Ein Stück Tanzkultur, das auf, nun ja, Fußarbeit basiert, hektisch und versiert ist und den Oberkörper dagegen nahezu unangetastet lässt. Leider steckt der Trend nach wie vor in den Turnschuhen und wird wohl wegen mangelnder Hörerfreundlichkeit und zu ungeradem Beat seine Nische eher nicht verlassen. Eine schöne und interessante Randerscheinung der Clubkultur ist Footwork und Flight Muzik aber allemal. (Sebastian Schreck)
„There were those who took out knives/ There were those who kissed the grey skies / There were those who knew only the sound of their own voices / There were people lighting candles / There were people going crazy / There were those who walked the beach / What war is that? / What town could this be??“ Es sind die Worte Laurie Andersons, die in „A Dream Of Water“ Colin Stetsons Saxophonspiel überlagern. In der Regel steht es jedoch für sich allein und trägt die Stücke. Die Konzentration auf Stetsons unnachahmlich intensives Saxophonspiel macht „A New History of Warefare, Vol.2“ so einzigartig wie auch dessen endlose Wiederholung einzelner Themen und Stetson unglaublich ausgefeilte Aufnahmetechnik. Folgerichtig kämpft Stetson in diesem Jahr gegen Matana Roberts um nicht weniger als den Titel für das innovativste und vielleicht beste Jazzalbum 2011. (Constantin Rücker)
Angeschnallt Messieurs-dames, starten sie ihre Reise in die Welt des Sandro Perri. Hier koexistiert die Smoothness von „Kaputt“ mit den Polyrhythmen früher Post-Rocker, hier treffen sie an einer Ecke auf die spacig-elektronischen Zuckerhüte eines Lindstrøm, anderswo auf tropisch warme Gitarrenläufe. Doch bei allem Unernst, anfangs wirkt das Werk des brüchig emotional singenden Kanadiers ein wenig wie ein gemütlich groovender Klangtrip mit vorbeigleitenden Seitenattraktionen. „Impossible Spaces“ vertieft sich wegen der elastischen, exkursionsfreudigen Strukturen seiner Songs sukzessiv. Gerade deswegen ist es notwendig, dass die meisterliche Produktion eben das Hören dieser warmen Musik zu so einer genüsslichen Annehmlichkeit macht, dass man sie genausogut nebenher laufen lassen wie sich den „Impossible Spaces“ voll widmen kann. Mit seinem Gefühl für Dimension und das Arrangement von Wohlklängen darin ist es nicht weniger als das Kopfhöreralbum des Jahres. (Uli Eulenbruch)
Diese Sammlung von Zaubersprüchen verursacht Stehhaare. Die beklommenen und brodelnden Töne auf „Grimoire“ sind von so viel Düsternis durchzogen, dass es einem schier das Herz zerspringen lässt. Bebend und blubbernd, immer an der Grenze zwischen organischem Puls und technoidem Glanz komponiert der Belgier Pepijn Caudron eine bestialische Symphonie mit geradezu verführerischer Eleganz. Einmal in den Sog dieses Soundtracks für einen imaginären Horrorfilm hineingeraten, will man gar nicht mehr weghören, denn wie in einer Geisterbahn lauern hinter jeder Ecke neue Überraschungsmomente, die von klassischem Cellospiel bis hin zu komplexen Ambientspuren reichen. (Carl Ackfeld)
Mit Geheimtipps ist das ja immer so einer Sache. Wo und wann hört eine Band auf, unbekannt zu sein? Geht es nach den Mitgliedern von Tu Fawning, so sind diese als Corinna Repp und Mitglieder von 31 Knots längst keine unbeschriebenen Blätter mehr. Angesichts dessen, wie großartig ihr gemeinsames Debütalbum „Hearts On Hold” dann aber wirklich geworden ist, kann man sagen, dass es bisher definitiv zu wenig Aufmerksamkeit bekam. Tu Fawning vereinen wieder einmal das Beste aus zwei, nein, mehreren Welten und finden dabei einen ausgewogenen Mittelweg zwischen Virtuosität, solidem Songwriting und der nötigen Spur Wahnsinn. Hier bahnt sich holprig eine beeindruckende Dreiviertelstunde zwischen Tom Waits, psychedelischem Folk und frickeligem Mathcore ihren Weg ins Hörerherz. Und still und heimlich entsteht so ganz nebenbei ein eigenes kleines Genre. Wie wäre es denn ausnahmsweise mal mit Math-Folk? (Bastian Heider)
Während die Fusion von Nu-Metal und Trinkhallen-Dubstep Schauder der falschen Art erweckte, führten Vermengungen von industriellem Lärm und Beats gerade in der zweiten Hälfte von 2011 zu aufmischenden Ästhetiken. Noise Techno, Outsider Electronica, Post-Techno – egal, wie man das Phänomen nun nennt, nach Vintage-Synthesizern hat die (Post-)Noise-Szene neue Spielzeuge gefunden. Zwischen den Acid-zwitschrigen Verspulungen KPLRs und den tatsächlich betanzbaren 4×4-Bangern von Container steckt Pete Swanson das weiteste, diffuseste Terrain ab. Die ehemalige Hälfte von Yellow Swans lässt auf dem pulsstimulierenden „Man With Potential“ – mitunter ans frühe Werk des Duos erinnernd – in durchgängig rauen Texturen Black-Dice-artige Loop-Prozessionen als Startbahn für einen heulenden Beat-Flug dienen, der aber auch entspannter wie krachige Boards Of Canada oder Gas die Aussicht bewundern und downtempo in Bodennähe kakophonieren kann. (Uli Eulenbruch)
Wenn es so was wie einen legitimen Erben des vor zwei Jahren plötzlich verstorbenen Jay Reatard gibt – es kommt einem zwangsläufig Ty Segall in den Sinn. Dies wird nicht erst durch die Veröffentlichung der Collection „Singles: 2007-2010“ deutlich, die ähnlich wie Reatards „Singles 2006-2007“ und „Matador Singles 08“ innerhalb von wenigen Jahren eine herrlich nachvollziehbare Entwicklung eines ambitionierten Künstlers aufzeigt. Vom ungestümen Lo-Fi-Fuzz hin zu songorientierten, klaren Produktionen, die Segalls immense Weiterentwicklung als Songwriter offenbaren und ihn womöglich als ambitioniertesten Vertreter der aktuellen Garage-Szene San Franciscos um Thee Oh Sees oder The Fresh & Onlys zeigen. Untermauert wird dieser Prozess auf dem ebenfalls dieses Jahr erschienenen, ebenso formidablen Longplayer „Goodbye Bread“, der mit Songs wie „You Make The Sun Fry“ oder „The Floor“ gar bei Marc Bolan andockt. (Pascal Weiß)
Der Kanadier Egyptrixx glaubt an den Klub als utopische Station, er verweigert sich nicht dem amtlichen Funktionalismus und geordneten Verhältnissen: Das hier ist nicht weniger als das aufgeplustertste Neon-Bass-Album des Jahres. Und kein bisschen schüchtern. Schnell voran schreitende Beats, flüchtende Flächen und monströse Samples im Hintergrund lassen die Tracks dabei immer unrund laufen und alle Klischees alt aussehen. „Bible Eyes“ gesteht man so gerne zu, immer ein bisschen cartoonhaft überzogen zu sein, fast so grell wie die englischen Rave-Platten der 90er. Dafür überzeugen Produktion, Abwechslung und die vielen Melodien, die sich fast selbst zu feiern scheinen. (Markus Wiludda)
Fünf Jahre brauchte die Band aus Philadelphia für ein Debütalbum, das nicht unscheinbarer und harmloser sein könnte. Sänger Tim Meskers singt zurückhaltend und die Orgeln erschallen etwas spleenig und verspielt, verträumt und leicht verhuscht sind die Songs – gepflegter und gepflegt gefühlsduseliger Indie-Pop der zurückhaltenden Sorte, dessen kleine Wunder hinter einem Berg an Twee–Harmonie galant versteckt hervorlugen. Der Song „Monday Moon“ ist ein Indie-Gassenhauer. „Evening Tapestry“ bezaubert als Schatz von einem Album, dessen Qualität darin besteht, leicht überhört zu werden. (Sebastian Schreck)
Bei den progressivsten Musikentwürfen dieses Jahres erschienen unter anderen zwei Motive wiederkehrend als treibende Kraft: einerseits die konstruktive Nutzbarmachung vergangener Musikstile für das eigene künstlerische Vorankommen, wie unter anderem bei Oneohtrix Point Never, Thundercat, The Caretaker, Ford and Lopatin oder Destroyer; andererseits der massive Einsatz von Loops und Wiederholungen, sei es in den Kompositionen Julianna Barwicks, dem Avantgardejazz Colin Stetsons, dem Black Metal Liturgys oder dem Minimal Techno von The Field. Tiger & Woods blieb es vorbehalten, in ihrem epischen Discofunk beide Entwicklungen geradezu beispielhaft miteinander zu vereinen: 10 Songs, keiner unter 6 Minuten. Die Band mit dem leicht albernen Namen recycelt hierfür Dancehits der 70er und 80er Jahre in Endlosschleifen und zaubert schon beim ersten Hören Schweiß auf jede Stirn. (Constantin Rücker)
Kälte und Reduktion – so lässt sich das Debüt der New Yorker Forma am besten zusammenfassen. Forma sind nicht die erste Band auf dem Kraut- bzw. Synth-Retrozug, genau genommen sind sie im Jahr 2011 schon relativ spät dran. Allerdings verzichtet das Trio auf die sonst üblichen ausladenden Songstrukturen und setzt dem ein kompaktes und präzises Gefüge entgegen, mit dem es tatsächlich gelingt, dem Trend einen neuen Akzent zu geben. So erschaffen Forma mit relativ einfachen Mitteln eine beeindruckend dichte Atmosphäre, die in Kraftwerks „Mensch-Maschine“ und „Autobahn“ ihren Ausgangspunkt hat und sich bis zum Minimalismus der 1980er Jahre weiterspinnt. (Felix Lammert-Siepmann)
Moment, war da nicht was? Das kennt man doch. Oder etwa hier? Ja und nein. The Stepkids mischen auf ihrem Debüt Anleihen und eigene Ideen so wild zusammen, dass sich Fragen nach dem Urheber nicht beantworten lassen und schließlich unwichtig werden. Als Background-Band für Alicia Keys oder Lauryn Hill haben The Stepkids ihre Wurzeln klar im Soul und Funk, die aber in jedem Augenblick von Ideen aus fünf Jahrzehnten Popmusik überwuchert werden. „The Stepkids“ nimmt sich dem Indie-Rock der Gegenwart ebenso selbstverständlich und leichtfüßig wie dem Psychedelic der 60er und dem Glam der 70er Jahre an. Die eigentliche Kunst: Durch diese bunte Melange wird „The Stepkids“ zu einem mustergültigen Popalbum. (Felix Lammert-Siepmann)
Jahrelang tobte Andy Stott unentdeckt durch den englischen Untergrund. Mit seinen beiden EPs hat er 2011 auch außerhalb seiner Heimatstadt Manchester reichlich Staub aufgewirbelt. Bereits im Mai erschien das Minialbum „Passed Me By“, das zu Recht von der Kritik gefeiert wurde, im November der dronige Nachfolger „We Stay Together“. Auf beiden Alben verbindet er düstere House- und Techno-Abstraktionen mit grollenden Atmosphären und spannenden Untiefen, die trotz allem Minimalismus unglaublich wirkmächtig sind. Stotts Vision ist ein dämonischer Techno, steril und zugleich unendlich dreckig. Hier werden Beats durch alte Industrieanlagen gejagt, vom inneren und äußeren Zerfall genährt, bis zur physischen und psychischen Erschöpfung gepeitscht. Orientierungslos lässt Stott seine Hörer am Ende zurück und schwingt sich zugleich auf, der Konsenskünstler des Jahres für Kopfhörertechno zu werden. (Markus Wiludda)