
Die Rolling Stones, das ist, einige werden sich erinnern, die Band, deren Mitglied einst Brian Jones war und die es sich nach dessen Austritt und Ableben 1969 nicht nehmen ließ, weiter Musik zu spielen; erst Bluesrock, dann Rock und mittlerweile wohl Classic Rock. Ihnen noch nie in irgendeiner Form begegnet zu sein ist ebenso unwahrscheinlich wie ihnen gegenwärtig nicht zu begegnen. Und warum auch nicht? An eine Band, die Alben wie „Aftermath“, „Their Satanic Majesties Request“, „Beggars Banquet“, „Sticky Fingers“ und „Exile On Main St.“ veröffentlicht hat, kann man sich ruhig erinnern. Auch dann, wenn nicht immer klar ist, welches Maß der Achtung dabei angebracht wäre.
Eines aber ist gewiss: So konservativ wie die Rolling Stones ist kaum eine Rockband. „Konservativ“ hat in diesem Sinne nichts mit irgendeiner politischen Haltung zu tun, sondern soll nur besagen, dass die Band seit rund 40 Jahren damit beschäftigt zu sein scheint, ein bewährtes Geschäftsmodell mitsamt ebenso bewährter Corporate Identity nicht zu verändern, und das gelingt nun einmal nur Wenigen. Außerdem beruhten die Befürchtungen, die man Mitte der 60er Jahre angesichts einer Gruppe langhaariger Männer mit elektrisch verstärkten Instrumenten zu hegen müssen glaubte, auf einem Irrtum der Medien und höheren Gesellschaftsschichten. Es mag zwar recht neuartig gewesen sein, was Bands wie sie vortrugen, am Ende aber wollten sie nur ihre Musik spielen, keine Welt verändern. Das bemerkte das Establishment nach und nach, die Stones hingegen blieben, was sie waren. Nur Jagger wurde 2003 zum Ritter geschlagen, mochte er auch 1968 „I’ll kill the king / I’ll rail at all his servants“ gesungen haben. Aber das waren eben nur ein Songtext, eine Phrase, den King gab’s gar nicht, und schließlich: „Well, what can a poor boy do / Except to sing for a rock n roll band“? Und was singt man? Der Zeitgeist gibt’s ein, alles halb so wild, immerhin kam die Steuerflucht der Stones auch erst 1971, man hatte ihnen also nichts vorzuwerfen außer vermeintlicher Schmuddeligkeit, als offensiv empfundene Sexualität und Drogenexzesse.
Dessen eingedenkt wächst die Versuchung, in die Runde blickend und von Seufzern begleitet zu fragen: „Ach, wo sind sie nur hin, die schönen Tage niedrigschwelliger Provokation? Heute müsste man schon mittelschwere Straftaten begehen…“.
Warum aber die Provokation alter Art vermissen? Wer sich zur Erschütterung der gegenwärtigen Ordnung bemüßigt fühlt, braucht mehr als ein wenig Individualität und Hedonismus. Die nämlich sind, bedenkt man, wann sie als für jeden anzustrebende Ideale aufkamen, eben nichts weiter als konservativ, mochten sie auch anfangs schockierend gewirkt haben. In den 60ern erfolgte die Etablierung einer Jugendlichkeit, der man durch Konsum Ausdruck verleihen konnte. Als Folge davon ist kein Bereich mehr unberührt von Mode, Stilfragen und veräußerbaren Identitäten. Arbeit, Kleidung, Nahrung, die bevorzugten Vehikel, alles, und auch die Musik, hat eine Bedeutung, die über den bloßen und offensichtlichen Gebrauchswert hinausgeht. Man kann „ganz man selbst sein“, indem man entsprechend konsumiert. Was einst Provokation war, ist heute Schmuck, war damals schon Schmuck, wenn auch ungewohnter. Wer aber eine Gesellschaft verändern möchte, sollte sie nicht zu schmücken versuchen.
The Rolling Stones “The Last Time”, Mai – Juni 1965
In der zweiten Hälfte der 60er scheint man Musik ernster genommen zu haben, vielleicht glaubte man an die Notwendigkeit, das Leben den Songs anzupassen. Auf einen solchen Gedanken wäre man angesichts der bisherigen Hits der Jahre ’60-’65 kaum gekommen, nur in Ausnahmen fanden sich dort Texte, denen man Lebenswirklichkeit hätte zusprechen können. Darin wurde geliebt, es wurde gesehnt, man lobsang der Erfüllung geduldig gehegter Wünsche oder aber alles war Nonsens. Was sollte auch der Text schon aussagen, man tanzte zu Musik, mehr war sie nicht schuldig, und solange das ging, war die Welt in Ordnung.
Wie aber sollte man zu „The Last Time“ tanzen, wenn man nur Standards beherrschte? Erklärten das die jungen Herren aus England, um deren Lied es sich doch immerhin handelte? Wollten sie überhaupt irgendetwas erklären? Vielleicht ihre Liebe?
Gegen ein gutes Zitat ist aber nichts einzuwenden, und Lieder konnten die beiden schreiben. Dass sie sie heute nur noch spielen können und damit in einer Welt, „in der die Gründung einer Band nichts anderes darstellt als den Besuch von Klavierstunden“ (sinngemäßes Zitat nach entfallener Quelle) nicht allein sind, ist ein wenig traurig, macht den Song aber nicht schlechter.