
Ein wiedergeborener Christ aus Großbritannien, das kann nur interessant werden. Schließlich lässt sich gegen die olle Christenheit immer so schön sticheln. Und KünstlerInnen aus dem vereinigten Königreich, damit haben wir bisher wenige (genau genommen eine) und (vielleicht gerade deswegen) recht gute Erfahrungen (Erfahrung wäre richtig) machen können, man denke nur an Petula Clark (mal abgesehen vom Lied). Das aber wird sich heute ändern, Cliff Richards „Rote Lippen Soll Man Küssen“ schlägt die Brücke ins Jahr 1964, ab dem’s auch streckenweise spannender wird als bisher. Die Vorherrschaft des Schlagers wird nämlich gebrochen werden.
„Rote Lippen Soll Man Küssen“ trug dazu sicher einen kleinen, soll heißen einen klitzekleinen Teil bei, immerhin war Cliff Richard bis Anfang der 60er Englands Version des amerikanischen Rock’n’Rollers vom Schlage eines Elvis. Klar, dass sich ein solcher Vergleich nicht ohne weiteres aufrechterhalten lässt. Dass er aber nicht nur zu Ungunsten Richards ausfällt, liegt vor allen Dingen an The Shadows, seiner Backing Band. Bemerkenswert war der Sound ihres Leadgitarristen Hank Marvin, eine Kombination aus der damals in Großbritannien unbekannten Fender Stratocaster mit Tremolohebel, einem britischen Vox-Verstärker und Bandecho. Die versuchte Nachahmung seines Stils hat noch heute einen festen Platz in den Köpfen und Foren der MuckerInnen.
Cliff Richard “Rote Lippen soll man küssen, November 1963 – Januar 1964
Warum dann aber auf einmal das Gesinge über rote Lippen, wenn Harry Rodger Webb alias Cliff Richard über so viel Coolness gebot?
Nun, er tat, was damals eben, und vor allen Dingen aus Sicht der Plattenlabels, getan werden musste: einen Song covern und in verschiedenen Sprachen aufnehmen. Oft wurde der Text für den Markt „BRD“ dabei ein wenig entschärft. Hier baute man eine Heirat, die von der Erlaubnis der Eltern abhängt, ein und flugs wurde es ein Hit.
Dabei hätten wir es auch noch weitaus schlechter treffen können, der Song wurde und wird nämlich gerne von allerlei Größen der Schlager- und sonstiger Szenen dargeboten, was er nun wirklich nicht verdient hat, nein, allein schon, weil in der „Rote Lippen“-Version das wunderbare Wort „Autobus“ vorkommt.
In Sachen „Wenigstens darauf kann man sich verlassen“ ganz weit vorne ist ja auch die religiöse Gemeinschaft, zu der sich Richard ab 1964 immer stärker bekannte und für die er auch dem Rock’n’Roll „rauer“ Prägung abschwor, das Christentum mit seiner einleibigen Kirche, deren Stärken nicht gerade in Toleranz und Lebensfreude liegen. ChristinInnen mögen dem widersprechen, klar, aber wer auf ein Jenseits hofft und sein Leben nach Regeln dieses betreffend ausrichtet, gibt nicht viel auf das, was nach einer materialistischen Weltsicht Vorrang vor allem hat: das gegenwärtige Leben und die Minderung des damit für viele verbundenen Leides.
Wie dem auch sei, es sollte an dieser Stelle auf jeden Fall noch erwähnt werden, dass Richards zu denjenigen Gläubigen gehört, die zwar machen, was man als berühmter Gläubiger so macht – merkwürdige Charity-Songs aufnehmen zum Beispiel – hingegen spricht er sich, anders als andere, und das findet der Autor gut, gegen Homophobie aus. Sogar die Ehe wird nicht verteidigt „People often make the mistake of thinking that only marriage equals happiness.“. Und das von einem Menschen, der mit einem ehemaligen katholischen Priester zusammenlebt und als eine Art „Freddy Quinn Großbritanniens“ gelten könnte. Ein großer Unterschied zu diesem ist jedoch, dass Cliff Richard mit der Veröffentlichung allzu seichter Musik bis Mitte der 60er Jahre wartete.