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Gang Gang Dance – Eye Contact

Die Geschichte von Gang Gang Dance gleicht einer brutalen Berg-und-Tal-Fahrt. Eines ihrer Mitglieder wurde vom Blitz getroffen, Jahre darauf ein anderes angeschossen und gerade als es so schien, als hätte das New Yorker Quartett den darauf folgenden Ausstieg seines Drummers mit dem herausragenden „Saint Dymphna“ überwunden, vernichtete ein Brand essentielle Teile ihres Equipments – unter anderem auch Speicherkarten mit Soundelementen, die in ihren neuesten Songs zum Einsatz kommen sollten. Dass sich diese Songs nun dennoch in etwas anderer Form auf „Eye Contact“ wiederfinden, zeigt nicht nur eine optimistische Widerspenstigkeit auf, sie erklärt auch, warum Gang Gang Dances fünftes Album ihr Meisterwerk geworden ist.

Denn wo in der Vergangenheit Studioaufnahmen mühsame, immer wieder durch Finanzlücken unterbrochene Prozesse waren bei denen vieles auf die Schnelle improvisiert werden musste, sind Stücke wie der eröffnende Elfminüter „Glass Jar“ schon seit 2008 in wenig anderer Form fester Bestandteil ihrer Konzerte. „I can hear everything. It’s everything time.“, deklariert Neu-Mitglied Taka Imamura das Credo dieses Albums und genüsslich langsam bricht der Damm, der Gang Gang Dances transzendente Soundfusion bis hierhin in ihrer eigenen Welt hielt. New agig helle Klangspritzer regnen über eine ebenso bunte Synthmelodie herab, die auf Drummer Jesse Lees Breakbeat ewig wiederholt werden könnte ohne an unendlicher Weite einzubüßen; Lizzi Bougatsos‘ Stimme wirkt dabei wie in beschwörender Trance, mitgerissen von einer erleuchteten Energie.

Bestechend ist dabei die harmonische Klarheit, mit der „Eye Contact“ auch im Folgenden aufwartet, waren ihre früheren Werke doch von Dissonanz, Lo-Fi-Geklapper und scharfem Noise durchzogen gewesen. Wie Animal Collective, mit denen sie sich einst einen Proberaum teilten, kleiden Gang Gang Dance die sonische Ambition der Keller-Avantgarde ins wohlgeformte Gewand moderner Pop-Produktionen – nicht ohne Grund bedienten sich schon Florence und Bat For Lashes mehr oder weniger frei ihrer Talente. Auch haben sie es endlich geschafft, das organische Flussgefühl ihrer Liveshows aufs Albumformat zu übertragen. Wirkte „Saint Dymphna“ noch mitunter wie ein Mixtape aus einem ‚Grime-Track‘ („Princes“), einer ‚Shoegaze-Nummer‘ („Vacuum“) usw., vereinigen die lückenlos ineinander übergehenden Stücke ihre disparaten Einflüsse diesmal in einem stimmigen, seltsamen Guss.

Anders als M.I.A.s Strg+C/Strg+V-Ansatz oder Vampire Weekends Stilabhören macht sich die Gang’sche Soundfusion ihre zahlreichen Zutaten dabei so zu eigen, dass sich z.B. nur schwer sagen lässt, ob die sprunghaften Synths in „MindKilla“ nun direkt von Trance inspiriert wurden oder vom Trancesound-inspirierten Chartrap der letzten Jahre. Oder ob der darunter galoppierende Beat, den Bougatsos mit Schlaflied-Zitat souverän reitet, nun mehr an Kuduro, an nordafrikanischen Tape-Dancepop oder jene Stile absorbierenden UK Funky wie Ill Blu erinnert. Auch auf Instrumentenebene ist die genaue Quelle eines Geräuschs mitunter kaum auszumachen, wenn Josh Diamonds Gitarre in ihrem elastischen Spiel zwischen Strukturgebundenheit und Freiflug synthetische MIDI-Sounds triggert oder die Schlagzeug- mit digitalen Beats verschmelzen.

Überhaupt ist die ganze Stimmung – oder, wie man anhand der New-Age-Hippiehaftigkeit der Band (Hypeman Imamura ist hauptamtlich ihr „spiritueller Berater“) eigentlich schon sagen muss, Vibe – von „Eye Contact“ eine der offenäugigen Aufgeschlossenheit, eine, die sämtliche Schatten der Vergangenheit hinter sich gelassen hat. Einem Prisma gleich zerlegt das prachtvolle „Chinese High“ einen Lichtstrahl aus 80er Yacht-Rock-Gemütlichkeit, aufgeregt titschenden Synthspitzen und ineinandervergabelten Tastenläufen abwechselnd in seine Bestandteile, auch Alexis Taylor von Hot Chip scheint im glitzernden Duett „Romance High“ so hin und weg, dass das Album erstmal mit dem balladesken „Sacer“ und einem von drei Zwischeninstrumentals runterschrauben muss. Bis sich unter Trommelpoltern das finale „Thru And Thru“ erhebt und mit arabeskem Flöten nochmal den Kosmos und alle, die sich darin befinden dermaßen umarmt, dass die letzten beiden Klänge dieses Albums nur noch sein können: „Live forever.“

Label: 4ad/Beggars Group

Referenzen: Glasser, Rainbow Arabia, Animal Collective, Boredoms, Prince Rama, The Present

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VÖ: 13.05.2011

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