
Es wurde bereits erwähnt: Freddy Quinn hatte viele, viele Nummer-Eins-Hits, nämlich zehn. Heute also dann „Unter fremden Sternen“. Dort windet sich sein Bariton am Strand der Harmonie und kann sich nicht erheben. Doch keine Sorge, der Sand ist wohlig weich und kuschelig warm, da bleibt man doch gerne bodenständig. Es bedarf schon ganz großer Worte, ja einer regelrechten Anrufung, damit die Stimme sich erheben kann: „Fremde“, „Zukunft“, „Sehnsucht“, „Ferne“, „zuhaus’“, „Heimfahrt“, das sind die Worte, mit denen Freddy hier das flache, doch hoch gelegene Plateau der Fragen menschlicher Existenz erklimmt. Und wenn wir mit ihm nun schon einmal hoch oben im Wolkenreich des Pathos stehen, so lohnt es sich, ein wenig darüber nachzudenken, was er uns sagen möchte, der wellendurchpflügende Quinn, der sehr gerne „noch einmal mit euch offen sprechen“ möchte (Zitat „Wir“).
Und was er uns nicht alles mitzuteilen hat: „Hier ist doch nur Dreck. Müll. Und Verbrechen.“; doch Moment, das stammt nicht aus „Unter Fremdem Sternen“, sondern einem Interview mit der taz und bezieht auf St. Pauli. Sein Stück von 1959 hingegen besagt sinngemäß: Oh weh, die Fremde lockt, und folgt man, dann, oh weh, ist die Heimat fern. Und lockt wiederum. Etwas anderes bekam man von Freddy Quinn selten zu hören. Damit sollte er am Ende nicht nur insgesamt ca. 50 Mio. Tonträger verkaufen, sondern auch einen großen Beitrag zur Identitätsfindung derer leisten, die sich nach einem „unverfälschten“ und „schlichten“ aber auch „aufregendem“, weil „ehrlichen“ und „direkten“ Leben sehnten. Wo würden sie es finden?
In der Fremde. Daheim in der BRD ließ sich trotz „Wirtschaftswunder“ nicht alles, was als Misstand empfunden wurde, ausblenden, so eine Trennung in zwei Staaten ist doch recht offensichtlich. Und wenn sich dann noch eine unliebsame Vergangenheit als quicklebendig präsentiert (siehe die Hakenkreuzschmierereien an der Kölner Synagoge Dezember 1959), dann konnte ein möglicher Reflex das Abwenden der Augen sein. Auch fürchtete man sich angesichts des kalten Kriegs vor dem allzeit als Bedrohung empfundenen Kommunismus. Der immerhin war wichtig für die Bindung an die Weststaaten, diente er doch als gemeinsames Feindbild, sei es in Form der DDR, sei es als der Feind im Inneren.
1950 äußerte sich Konrad Adenauer in einer Regierungserklärung wie folgt: „Wir hier in der Bundesrepublik Deutschland, die Bundesregierung und der Bundestag und, ich glaube, fast restlos die Bevölkerung, sind fest entschlossen, von allen uns zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln Gebrauch zu machen, um dieser Infiltration von Osten her entgegenzutreten. Sie werden gleich einen Kabinettsbeschluß hören, den wir heute morgen gefasst haben und der zum Ziele hat, alle Anhänger des Kommunismus aus den Stellen der Bundesregierung – seien sie als Arbeiter, als Angestellte oder Beamte tätig – rücksichtslos zu entfernen.“ Der Wiederaufbau war eben in erster Linie ein Wieder-, kein vollständiger Neuaufbau, es ging um politische und wirtschaftliche Konsolidierung. Dass dabei lieber auf NSDAP-Mitglieder als die Verfolgten des Naziregimes zurückgegriffen wurde (dem zweiten Bundestag gehörten 129 ehemalige NSDAP-Mitglieder an, Beamte, die die Alliierten 1945 aus politischen Gründen entließen, konnten ab 1951 wieder in den öffentlichen Dienst treten), ist mehr als einfach nur unrühmlich. Doch auch deswegen konnte der Antikommunismus die Konstante bleiben, die er seit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 war. Ein wenig Angst hat der Ruhe und Ordnung ja noch nie geschadet.
Freddy Quinn, „Unter fremden Sternen“, November-Dezember 1959
Dass alles bleiben soll, wie es ist, nur besser, zeigt sich auch in der Indifferenz des Quinnschen Schlagers. Da will man weg, in die Ferne, und dann wieder heim. Ja, was aber dann? Dann will man wieder hinaus in die Ferne. Beinahe möchte man Mitleid mit dieser geplagten Seele empfinden, ihrer Zerrissenheit, ihrer wendigen Sehnsucht. Woran es ihr mangelt, ist Konsequenz, und ja, es mag etwas überambitioniert sein, all das hinter einem sentimentalen Liedchen zu vermuten. Doch steht es für ein ganzes Genre, eine Industrie aus Kitsch und stets genährten, aber nie erfüllten Wünschen, die auch heute noch Abnehmer für ihr mittelmäßiges Kunsthandwerk findet. Dort, wo man die eventuell unangenehmen Folgen des eigenen Tun so lange verleugnet, bis man keines Handelns mehr fähig ist, schlägt sie ihre Stände auf. Der Schlager bietet einen Eskapismus, der nicht zum Schönen führt, sondern es verleugnet, indem er so tut, als könnten Harmonie und Schönheit nur als überhöhtes, irreales Wunschbild bestehen. Als solches hat es seinen Platz nicht im alltäglichen Erleben, sondern in stereotypen Träumen, deren Zauber von einem Fatalismus lebt, dem der Wunsch, Schönheit in der eigenen Existenz zu suchen und zu erlangen, als Bedrohung gilt. Einfacher gesagt: verbiesterte Menschen mögen Schlager.