
„I Couldn’t Love You“ zum Beispiel suggeriert im Titel die Unmöglichkeit einer Liebe, im eigentlichen Text hängt Kasher schnell ein „more“ hinten an und schon ist alles umgekehrt zu verstehen. Dann versucht er sich an einer Definition dieses wohl größten lyrischen und künstlerischen Motivs überhaupt, verneint sich selber und steht auch noch zu seinem Wendehals. Das ist etwas befremdlich, macht aber durchweg Spaß. Mal direkt, mal ansprechend und interessant verschachtelt wirkt nichts zu konstruiert und nichts verfällt in Konfusion. Meist ist die letzte Schachtel, die der Song bereithält, auch die, aus welcher dann der größte Springteufel geschossen kommt. Mal mit einem Grinsen, mal mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck, manchmal logische Konsequenz für ein geglücktes Crescendo, manchmal eine einigermaßen überraschende Wendung, ist kaum etwas wirklich vorhersehbar.
Wer sich bei vielen Schachteln und schrillen Überraschungen an das Vorgängeralbum erinnert fühlt, könnte später einige neue und spannende Momente missen. „Happy Hollow“ war so nahbar wie ein Kaktus in der Wüste, enthielt einiges Überlebenswichtiges, machte es dem Wüstentouristen aber reichlich schwer, heranzukommen. Und genau da ist „Mama, I’m Swollen“ durchaus anders gestrickt. Die eigenbrödlerische Tendenz ist trotz aller schrägen Kanten nicht gegeben, vielmehr öffnet sich Cursive dem Hörer, stellt sich als Fremdenführer und Animateur auf der eigenen Insel zur Verfügung, ohne jemals zu viel zu verraten. Vegetation und Optik sind grundsolide, die Szenerie stimmt. Viel spannender ist aber die Aufmachung, die Glaubwürdigkeit und die Erzählweise der Geschichten zu jedem besuchten Ort. Was beim überragenden „From The Hips“ mit jugendlichen Ausreißergelüsten und dem idealistischen Ruf nach einer ungehemmten Stimme beginnt, treibt beim abchließenden „What Have I Done?“ einsam im warmen Wasser eines Pools von Beckenrand zu Beckenrand. „I spent the best years of my life waiting on the best years of my life. So what’s there to write about?”, resigniert Tim Kasher schlussendlich vor so ziemlich allem von Nebraska bis El Paso. Ein letztes Mal bäumt sich das Album nach Kräften auf, packt alle vorher gebrauchten Instrumente in diesen Song und unterstützt den armen Kerl mit allem, was da ist. Und wenn der Vorhang fällt bemerkt man, wie erschreckend gut das doch gespielt war.
Label:Saddle Creek
Referenzen:The Good Life, Seachange, Modest Mouse, Bright Eyes, Les Savy Fav, Q and Not U
VÖ: 10.03.2009