
Die bereits im Vornherein bei MySpace zur Verfügung gestellten Songs "Never Stops" und "Nothing Ever Happened" eignen sich zumindest ansatzweise dazu, die neue Richtung vorzugeben, auch wenn es sicherlich die augenscheinlichsten Hits des Albums sind. "Microcastle" ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger deutlich eingängiger, poppiger und in vielen Fällen auch songorientierter, erfreulicherweise aber ohne auf einzelne Stücke reduziert werden zu können, weiterhin steht ganz unmissverständlich das Album im Vordergrund. Dies wird am ehesten im Mittelteil von "Microcastle" deutlich, funktionieren "Calvary Scars", "Green Jacket" und "Activa" doch nur im Verbund, dann allerdings in höchstem Maße überzeugend. Zusätzlich bilden eben jene Tracks die Brücke vom Titeltrack zum klaren Highlight des Albums, dem verspielt rockigen, am Ende fast ausgefransten und dennoch unwiderstehlich hymnenhaften "Nothing Ever Happened".
Deerhunter ist die Weiterentwicklung zu keiner Phase des Albums abzusprechen, der bandtypische Sound bleibt erhalten, bietet aber zusätzlich reichlich Platz für weitere Einflüsse. Stellvertretend hierfür könnte das lässige "Saved By Old Times" und seine gekonnt eingesetzten Surf Punk-Anleihen genauso stehen wie das mit reichlich 60s Psychedelic-Appeal ausgestattete "Never Stops". Ein Wermutstropfen aber bleibt: Obwohl nahezu alle Songs bei jedem Durchgang neue Dinge offenbaren und dem Gesamtwerk somit eine lange Halbwertszeit bescheren werden, verschwimmen nach einer gewissen Zeit die Konturen. Der kranken Struktur eines "Lake Somerset" oder der so hektisch im Vordergrund tänzelnden Drums des Titeltracks auf "Cryptograms" hätte es bedurft, dieses Album zu einem Meisterwerk emporsteigen zu lassen. Auch wird man den Eindruck nicht los, dass die Fülle an veröffentlichten Songs jeden einzelnen daran hindert, seine komplette Pracht zu entfalten, zu bekannt sind die Ideen, zu vertraut die Einflüsse eines Bradford Cox, die es an manchen Stellen erschweren, eindeutig zwischen Atlas Sound und Deerhunter unterscheiden zu können. So bleibt die Erkenntnis, trotz einer durchweg guten Platte weiter einen Schritt hinter den befreundeten Genre-Kollegen wie den Liars oder auch den leicht artfremden No Age hinterherzuhinken. Ein zweites "Wash Off" bleibt aus, ein prächtiges Drittwerk ist ihnen aber trotzdem gelungen, der nächste große Schritt wird folgen, ganz sicher…
Label: 4AD / Beggars / Indigo
Spieldauer: 40:52
Referenzen: Atlas Sound, Liars, No Age, Chad vanGaalen, Women, My Bloody Valentine, A Place To Bury Strangers, Radiohead, Sonic Youth, The Velvet Underground
Links: MySpace, Deerhunter-Blog
VÖ: 24.10.2008
"Microcastle" ist als Doppel-CD zusammen mit "Weird Era Cont" erschienen, Gesamtlänge beider CDs: 83:01
Hier geht´s zum ausführlichen Bericht zu Weird Era Cont!!