Lana Del Rey war von Anfang an eine Zeichenmaschine. Schon als sie damals – quasi viral – durch das Video zu „Video Games“ bekannt, ach was, ein Star wurde, bediente sie ein System aus Verweisen und oftmals offenen Enden. Das „White Trash Girl“ mit der aufgespritzten Schlauchbootoberlippe, den falschen Fingernägeln und einer konstruierten Found-Footage-Authentizität, das verblassenden Hollywood Glamour und juvenilen Spaß beschwört, aber doch eher nach billigem Porno und Crystal schmeckt. Das war ganz groß und es folgten Songs über Kleidungsstücke, Diätbrause und Fernsehserien (wenn auch nur im Titel), angeblich verkorkste Auftritte, dünne Performances und sonstige Aufreger, die an anderer Stelle nachgelesen werden können. Das interessierte alles recht wenig, zumindest zwei Alben lang war sie weit oben in meiner Gunst.

Dann hatten wir uns ein wenig entfremdet, sodass „Honeymoon“, trotz des vielversprechenden Titels, vollends – vermutlich unterstützt von einem Millionenbudget für Marketing – meinen Radar unterflog. Der Titel ihres vierten Albums „Lust For Life“ ließ jedoch aufhorchen und sofort die Referenzmaschine rattern zu lassen, verweist er doch auf ein teilweise lange von Die-Hards unterschätztes Werk von Iggy Pop: Das zweite und wesentlich poppigere, das er in den 70er mit David Bowie in Berlin aufgenommen hat. Ich unterstelle Lana Del Rey, die immer mit viel Popwissen kokettiert hat und sich auf dem Cover als „Hippiemädchen“ vor einem Pick-up inszeniert, dass sie diese Konnotation wissentlich gewählt hat. Denn selbst ihr Lächeln und fast sogar der Neigungswinkel ihres Kopfes entsprechen der Vorgabe Pops, auch wenn Del Reys Bildausschnitt ein größerer ist. Dann heißt auch noch ein Song „Heroin“ und der nächste große Kosmos des American Songbook öffnet sich – man kann diese Titelwahl durchaus als Kommentar auf die derzeit in den USA grassierende Opiatenwelle interpretieren.

Musikalisch findet sich davon freilich nichts auf diesem Album. Es gibt weiterhin gediegenen, leicht derangierten Breitband-Abendkleid-Diven-Pop, da bleibt sich Del Rey treu. Gelegentlich reichert sie ihn mit ziselierten Beats an, die das Ganze leicht entretrofizieren und im Hier und Jetzt verankern. Dazu tragen auch die erstmals zum Einsatz kommenden Features von The Weeknd oder A$AP Rocky bei, allerdings gesellen sich im weiteren Verlauf auch noch Sean Lennon (?!) und Stevie Nicks dazu. Zeichen, Zeichen, Zeichen.

Was heißt das nun alles für den geneigten Hörer? „Lust For Life“ ist ein ausgesprochen gelungenes Album geworden, das eine gewisse Melancholie ausstrahlt, ohne freilich weinerlich oder noch schlimmer resignierend zu wirken. Auch dies kann durchaus als Kommentar zum Zustand Amerikas interpretiert werden, das schon bessere Zeiten gesehen hat, aber auch die Gegenwart besteht nicht nur aus Neonazis, „alternativen Fakten“ und dem Gespenst der schleichenden Faschisierung der Gesellschaft.

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