Ist Jackie Lynn nur eine weitere Personifizierung der eher unter ihrem Moniker Circuit Des Yeux bekannten Musikerin? Bedarf es einer neuen Namensgebung, um sich musikalisch weiterzuentwickeln oder andere Spielfelder als den ohnehin schon grenzfreien Avantgarde-Pop Haley Fohrs zu bestellen? Wann wird ein Projektname zur Kunstfigur und was hat das alles noch mit der damit verbundenen Musik zu tun?

Drei Fragen, die sich die Musikerin sicherlich anlässlich der Veröffentlichung ihres ersten Albums in diesem Alter Ego stellen lass muss. Drei Fragen, deren Beantwortung schon dadurch erschwert wird, dass „Jackie Lynn“ nur 21 Minuten und acht Tracks andauert, zwei davon höchstens instrumentale Fragmente. Die erste Gegenüberstellung vermittelt Zwiespältiges. Fohr singt nach wie vor in ihrer eigenen Liga und Lage, tief und vollmundig, ein wenig entrückt, aber doch mit sehr viel Ausdruck und Gestaltungsvarianz. Setzte sie zuletzt bei „In Plain Speech“ auf kunstvolle und vernebelte Arrangements, ist „Jackie Lynn“ deutlich prägnanter, klarer und präsenter. Von den sechs ausformulierten Songs ergeben sich allein fünf erhabenem (Elektro-)pop, der erstaunliche Nähe zu konventionellen Strophe-Refrain-Schemata aufweist und diese wie im eröffnenden „Bright Lights“ auch erfrischend stringent durchsetzt.

Das folgende „Chicken Picken“ folgt einer munteren Kirmesorgel und einem konsequenten Drum-Computer durch ein fröhliches Popwirrwarr und lässt die Musik im aufbrandenden Applaus verhallen. Fohr spricht durch ihr Alter Ego direkt mit dem Zuhörer und nicht nur im folgenden, lakonischen „Smile“ ertappt man sich dabei, mehr über diese eigenwillige, schwierig zu greifende Person zu erfahren, die sich spätestens beim befremdlichen „Alien Love“ im Bewusstsein festgesetzt zu haben scheint. Unruhig windet sich der nach wie vor ungewöhnliche Bariton um anschwellendes Keyboard-Knarzen, nervös tänzeln die Drums auf dem Sprung zum bedrohlichen „Franklin, TN“ hinüber, das Surf-Einflüsse antäuscht und doch in finsterer Stoik verharrt. Hier scheint sich Jackie Lynn zu Hause zu fühlen, hier kommt sie her, von hier aus brach sie auf, wie es die fiktive und nur in Bruchstücken angedeutete Lebensgeschichte der Figur andeuten will.

„Franklin, TN“ endet so abrupt, wie es beginnt. Die nachfolgende Miniatur „The Great Fight“ verändert die Szenerie komplett und nach nicht mehr als einer Minute leistet Fohr gedanklich und musikalisch den größten Quantensprung dieses so kurzen wie persönlichen Minialbums. „Jackie“ heißt der mit akustischen Gitarren eingeleitete spröde Folksong, der zunächst so gar nicht zum Rest passen soll. Doch dann singt Fohr „Jackie, you’ve got yourself to blame“ und alles deutet darauf hin, dass Jackies Geschichte noch längst nicht auserzählt ist, sich aber dennoch nach dieser kurzen ersten Begegnung noch nicht vollends für ein weiteres Kapitel entscheiden kann. Es bleiben Andeutungen und Vermutungen, ein wenig wie ein Vexierbild, dessen Spiel mit den Blickwinkeln sich nicht immer folgen lässt. Wo ist Fohr, wo Jackie und wo bleiben weitere Inkarnationen wie die herausragende Arbeit mit Circuit Des Yeux? Sofern die Amerikanerin trotz allen Spiels mit Rollen und Erscheinungsbildern ihre musikalische Treffsicherheit behält, darf sie sich gerne immer wieder neu erfinden.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum