Ein bisschen verknarzte Pavement, ein bisschen hingeschluderte Yo La Tengo, ein bisschen zugedröhnte Guided By Voices. Titus Andronicus. Cloud Nothings nicht zu vergessen. Dazwischen immer wieder ein bisschen Beck, zwischen seiner kruden Disco-Experimentalphase und dem Ding mit dem Countryscheiß. Man könnte Will Toledo, dem musikalischen Guru hinter Car Seat Headrest, flugs und belegsicher vorwerfen, dass er sein bisheriges Schaffen vorwiegend als Fälscherfuchs und Recycler von Vorhandenem zusammengetragen hat, jedoch träfe das den Kern seiner Karriere nicht.

Dazu kombiniert Toledo viel zu versiert um die Blaupausen herum und schustert kleine, widerborstige Ohrwürmer zusammen, die er wie in einer fiesen Turbomast mit der Maxime der Maximalität am Fließband produziert: Fünf Jahre, elf Alben, dazu das Matador-Debüt aus dem letzten Oktober, das eine Werkschau seiner besten Tracks war und einem etwas größeren Publikum die Ohren wachsen ließ, weil dieser Indieschmock so gemütlich und eingängig den Ohrknorpel plattmassierte. Musikhistorische Antizipation und fröhliches DIY machten auf dem derzeit etwas ausgelaugten US-Indierock-Sektor im letzten Jahr nirgendwo mehr Spaß. Für das Durchatmen hingegen blieb keine Zeit.

Das ändert sich ein auch wenig auf „Teens Of Denial“, das kaum gesetzter daherkommt, jedoch den sofortigen Mitreißfaktor etwas vermissen lässt, was auch eine Einschätzung differenzierter einfordert als zuvor. „Fill In The Blank“ ist erst einmal ein Einstieg nach altem Maß: Live eingespielter, hingefetzter Indierock, der so rau klingt wie die Hände eines alten Holzfällers in den amerikanischen Woodlands, bevor „Vincent“ über fast acht Minuten mit trostlosen Trommelwirbeln, Gitarrenfeedback und einer einsamen Trompete dem Künstlerdasein nachspürt. Erkenntnis: Alles ziemlich zermürbend, aber Drogen! Dass diese eine nicht unwesentliche Rolle im Schaffensprozess spielen, mögen alleine diese sehr lustigen Tracknamen verdeutlichen: „Destroyed By Hippie Powers“, „(Joe Gets Kicked Out Of School For Using) Drugs With Friends (But Says This Isn’t A Problem) „Drunk Drivers/Killer Whales“, „The Ballad Of Costa Concordia“ oder „Connect The Dots (The Saga Of Frank Sinatra)“. Alleine hierfür schnellen die Sympathiekärtchen direkt in die Höhe. Den Rest besorgen schlimmes amerikanisches Bier, das nach abgestandener Pisse schmeckt, und die unbekümmerte Jugendlichkeit, die hier aus allen Saiten strotzt. Indiepunk never dies.

Auf der anderen Seite der Medaille mag man dieser Gruppe anlasten, eine Nostalgie zu bedienen, die für sie selbst vielleicht gar nicht existiert, weil Will Toledo erst 1992 geboren wurde – viel zu jung, um Dinosaur Jr. und dem ganzen Mid-Nineties-Indie von Built To Spill bis hin zu den punkigen Skizzen von Pavement in einer Erlebensphase begegnet zu sein. So klingt „Teens Of Denial“ für ältere Semester wie alte Vertraute, wie eine Insel der Sehnsucht. Die Soziologin Susan Stewart bezeichnete das einmal als „Soziale Seuche“, in der Nostalgie zu einer verzerrten Wahrnehmung führt: Rückwärtsgewandt, eine selektive Erinnerung als Maß aller Dinge, die bloß als Konzept einer überholten und unwiederbringlichen Vergangenheit existiert und das Aktuelle ausblendet.

Eine solch musikdystopische Lesart wird aber „Teens Of Denial“ nicht gerecht, auch wenn es unmöglich ist, das Werk zu hören, ohne unweigerlich die Bingokugeln im Kopf anzustoßen, die wild Referenzen durcheinanderwürfeln. „Drunk Drivers/Killer Whales“ klingt wie eine etwas kratzbürstigere Version eines Nada-Surf-Songs (bevor sie mit „Lucky“ sterbenslangweilig wurden) mit einem obligatorischen Break, „Unforgiving Girl“ wie eine flockige Adaption eines Clap-Your-Hands-Say-Yeah-Werkes (kennt die noch jemand?). Und wofür braucht man Eigenheiten, wenn man „Cosmic Hero“ hat? Der beste Song des Albums thront in der Mitte wie ein Monument der Selbstvergewisserung: „If you wanna make it last, you could commit yourself completely“, heißt es da und fasst das Schaffen passend zusammen. An Leidenschaft und Hingabe mangelt es hier nicht, auch wenn andere Menschen vielleicht noch bessere Songs schreiben. Das Ergebnis klingt mit freundlicher Unterstützung von Matador Records professionell leicht lo-fi hingeschlotzt und jederzeit bereit für die nächste Bierpong-Party.

Wenn man der Band das Hier und Heute zugesteht, spielt sie hysterische und tighte, großmäulige und kümmernde, ironische und ruppige, slackermäßige und krumme Songs mit einer Aura konzentrierter Anspannung, wie man es sich nur wünschen kann. Für alle anderen gab es das schon mal. Und auch in besser.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum