ANCSTMoloch

Der Moloch ist ein in der Bibel, aber auch schon davor, auftauchendes Symbol für eine Gottheit, die sich angeblich an Kindern und Leid nährt. Im aufkommenden zwanzigsten Jahrhundert fand das Wort auch gerne als Synonym für die den Menschen verschlingende Großstadt Gebrauch. Ein besonders starkes Bild findet sich im Fritz-Lang-Klassiker „Metropolis“: Während Freders Suche nach Maria erlebt er eine riesige Maschine in der Unterstadt, die die Oberstadt versorgt und von roboterhaft arbeitenden Arbeitern bedient wird, im Zuge eines Arbeitsunfalles als Arbeiter verschlingenden, archaischen Moloch, als Fanal für Ungerechtigkeit und Ungleichheit. „Moloch“ heißt auch das offizielle Debütalbum von ANCST und da es sich bei den Berliner Black-Metal-Crustpunkern um eine explizit politische Band handelt, die sich bei Bandcamp selbst als „anti-fascist, anti-sexist, anti-religion“ bezeichnet, ist davon auszugehen, dass sie um diese Assoziationen bei der Titelwahl wussten.

Musikalisch macht „Moloch“ keinerlei Kompromisse. Die Band peitscht sich und uns durch zehn knochenbrechende Mosher, deren Gerippe sicher im Black Metal zu suchen ist, von denen aber nur zwei die Vier- und einer die Fünf-Minuten-Grenze überschreiten. Allein schon, wenn man sich dabei auf das Schlagzeugspiel der ersten beiden Songs „Moloch“ und „Behold Thy Servents“ mit seinen Rolls, Fills, Tempi und Rhythmuswechseln konzentriert, könnte man meinen, ihr Schlagzeuger müsse ein Krake sein. Es stellt sich aber heraus, dass ANCST auf einen Schlagzeuger verzichten und die Beats von Tom „ist the Bastard“ Schmidt, der zudem noch Gitarre, Bass, Keys und Gesang beisteuert, programmiert sind, die restliche Wucht steuern Andreas Sommer (Gitarre) und Terston Bellafonte ((Lead-)Gesang) bei. Vielleicht sind dieser Verzicht und die unerbittliche Taktung einer Maschine auch einer der Gründe dafür, warum die Band so unglaublich fokussiert ans Werk geht.

Zwar bildet Black Metal den Kern, aber Schmidt, Sommer und Bellafonte haben ihre Gewichtung merklich noch weiter Richtung Crust Punk verschoben und legen bei allem Gedresche sichtlich Wert darauf, dass die Texte auch verstanden werden können. ANCST haben eine ganz schöne Krawatte und ordentlich Hass und Frust auf die Zustände, wo Linke und Rechte „gemeinsam“ marschieren, wie sie bei „In Decline“ proklamieren. Wer schon mal aufmerksam Bilder von diversen PEGIDA-Aufmärschen betrachtet hat, wo auch vom Augenschein her Alternative mitziehen, wird verstehen, was sie damit meinen könnten. Auch hinterm ökologisch oder politisch korrekten Vorhang grinst halt oft eine „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Rassistenfratze, eine irrationale Angst um die eigenen Fleischtröge oder noch schlimmer die Angst um die „abendländische Kultur“ aus Nationalismus, Chauvinismus, Rassismus, Kolonialismus und einem Hang zum Völkermord. In diesen Spiegel schaut niemand gern und deswegen ist es auch so wichtig, dass Bands wie Jungbluth, Human Abfall oder eben ANCST diesen hochhalten und immer wieder dazu auffordern, die eigenen Positionen nochmal zu spiegeln, zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu justieren. Der Moloch lauert auch in uns.

Wenn dieses Unterfangen sich dann in solch mitreißender Musik äußert, kann man gänzlich von einem gelungenen Album sprechen. Was mich ein wenig enttäuscht, ist allein die Tatsache, dass die Band ihre zweite Seite – ANCST veröffentlichen auch immer wieder reine Drone-Werke – nicht mit in „Moloch“ einfließen lässt. Bei aller Liebe hätten schon ein, zwei Minuten Innehalten zum Luftholen bei mir den Hörgenuss sogar noch gefördert – aber ich bin auch nicht mehr Mitte 20.

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