AUFTOUREN 2015Geheime Beute

AUFTOUREN 2015 - Geheime Beute

Nadia Reid – Listen To Formation, Look For The Signs [Spunk]

Je reicher die Stimme, desto karger die Instrumentierung. Doch ganz so minimalistisch sind die 10 Songs auf „Listen To Formation, Look For The Signs“ der 24jährigen Neuseeländerin gar nicht, wie es uns ihre herzbrechend vollmundige Stimme glauben machen will. Sanfte Gitarren, abgetönte Streicher, Schlagzeugbesen: Songs wie das düstere, hoffnungsschwere „Track Of The Time“ bekommen aber auch zuweilen deutliche Kontraste anhand gestellt, denn schon im darauf folgenden „Reaching Through“ bahnt sich die Sängerin den Weg durch ein stärkendes Folkrock-Geäst. Das Spiel mit den Stimmungen lässt an Laura Marling erinnern, doch nimmt Reids Stimme deutlich mehr Raum ein. Die Kraft des Albums entsteht aber deutlich in den sanften und stillen Momenten – Kraft, die sich in Emotion und Ausdruck verwandelt und aus dem Album einen ungeschliffenen Rohdiamanten machen. (Carl Ackfeld)


The Breathing Effect – Mars Is A Very Bad Place For Love [Alpha Pup]

Die Tasten klimpern gedimmt, die Blechbläser sind dermaßen gedämpft, dass sie sich in die analog warmen Synthwolken einschmiegen. Auf seinem Debütalbum beschwört das Duo aus Los Angeles eine ganz besonders bildhafte Mischung aus Jazz, Soul und Funk herauf, die in ihrem Sternenblick an frühen Krautrock (beziehungsweise dessen moderne Vertreter wie Von Spar) erinnert. Auch wenn das Schlagzeugspiel in seinen Verdichtungen weder unpräzise noch spärlich ist, wirkt diese einladende Sternenmusik selten schnell, sondern einem Traum gleich unscharf. (Uli Eulenbruch)


Downtown Boys – Full Communism [Don Giovanni]

Ein Instrument sicherte sich 2015 endgültig sein Comeback jenseits von Easy-Listening-Mief, das man so sicher nicht mehr auf dem Schirm hatte: Das Saxofon. Es tauchte auf diversen Alben auf, oder war sogar prägend bei den hervorragenden Werken von Colin Stetson und Sarah Neufeld („Never Were The Way She Was“ – avantgardistisch minimal), bei Kamasi Washingtons Opus Magnum „The Epic“ (klassisch, afro-futuristisch à la Alice Coltrane beziehungsweise Pharaoh Sanders) oder eben bei den Downtown Boys aus Providence. Diese Band besteht selbstredend für 2015 nicht nur aus „Boys“, sondern hat auch „Girls“ am Start und so teilt man/frau sich auch die Gesangsarbeit. Aber um den Gesang soll es hier gar nicht gehen, sondern um das Saxofon gehen, denn das hat hier ebenfalls seinen ganz großen flächendeckenden Auftritt und der knallt rein wie eine Agitprop-Mischung aus James Chance And The Contortions und den Dead Kennedys. Tipp für aufgeschlossene Punker. (Mark-Oliver Schröder)


Westkust – Last Forever [Luxury]

„Last Forever“ ist eines der Alben, bei denen man sich vollkommen unbeschwert genauso alt fühlen darf, wie die Mitglieder der Band es sind. Im Fall von Westkust dürfte das so rund um die 20 sein, vielleicht auch etwas weiter darunter. Die Schweden spielen mit einer so gewaltigen Unbekümmertheit auf, dass es vollkommen egal ist, dass einem mehr als der eine oder andere Akkord bekannt vorkommt. Und die Vorbilder sind in diesen Augenblicken nicht klein: Anleihen bei Pavement für die großen Melodien, bei Nirvana für den gestreckten Mittelfinger oder bei My Bloody Valentine für die verschrobenen Momente bilden eine nahezu unwiderstehliche Konstellation. (Felix Lammert-Siepmann)


Stara Rzeka – Zamknęły Się Oczy Ziemi [Instant Classic]

„Astral-hypnotische Gitarrenträume“, schrieb Kollege Uli bei der ersten Sichtung zur hiesigen Geheimen Beute. Er sollte recht behalten. Jakub Ziołek malt auf seinem zweiten und letzen Album strahlend schöne Gebilde, die an die ausufernden Kompositionen Moondogs oder Albert Aylers erinnern. Dabei entwickelt er allerdings eine fast lyrische Annäherung an seine gerne metaphysischen Themen, die er aus seiner eigenen Umwelt herausarbeitet. Bis in die Ewigkeit gezogene Drones treffen im scheinbar unendlich andauernden „W szopie, gdzie były oczy“ auf krautige Gefühlseruptionen und selbst im kurzen Intermezzo „Melodia“ lässt Ziołek seine Gitarre meditativ, doch niemals gleichförmig erklingen. Das Sich-im-musikalischen-Fluß-Verlieren wird zum scheinbar übergeordneten Konzept und lässt das Doppelalbum trotz über 80 Minuten Spielzeit nie langweilig werden. (Carl Ackfeld)


Cio D’Or – all in all. [Semantica]

Später als zunächst angekündigt erschien das mehrteilige Großwerk der Kölnerin schließlich über die zweite Jahreshälfte verteilt, doch derart geduldige Musik belohnt schließlich vor allem auch das Warten. Ein Trio von jeweils vier stimmungsvollen, dronigen, schwelgerisch ambienten Techno-Tracks zieht Cio D’or – auf Vinyl nebem dem eigentlichen Album auch noch über die Zusatzveröffentlichung „yocta yo yotta.“ – mit Weitsicht auf. In die Tropfsteinhöhlen und den gletscherhaften Acid-Dub der späteren Stücke gleitet man erst nach dem Lauf durch Prezioses und Grandioses im ersten Drittel, wo „now and then“ auch ohne stabilen Kick, mit stotterndem Knistern und wehmütigen Pianoandeutungen unter einem ominösen Streicherhimmel glänzt, nachdem man gerade zuvor durch „tomorrow and yesterday“ schon die volle cineastische Bildbreite erschöpft glaubte. (Uli Eulenbruch)


Yowler – The Offer [Double Double Whammy]

Ein Song auf „The Offer“ heißt „Bedroom Wall“, ein anderer „In The Bathroom“ und tatsächlich hat Maryn Jones ein sehr intimes Album aufgenommen, mit dem sie den Hörer in ihre eigenen vier Wände einlädt. Die acht minimalistischen Songs, die meist mit Gitarre und Gesang auskommen, hat die Frontfrau der Punkband All Dogs im Winter 2013/14 in ihrem Schlafzimmer aufgenommen. Viel passiert nicht auf „The Offer“, stattdessen scheinen einige Songs sogar beinahe sillzustehen. Dennoch entwickelt das Solodebüt von Jones einen unwiderstehlichen Sog, weil in den schlichten Arrangements eine hypnotische, meditative Kraft liegt und weil die poetischen Texte der Musikerin aus Columbus, Ohio so noch mehr im Fokus liegen. (Daniel Welsch)


Suiyoubi No Campanella – Zipang [Tsubasa]

Wer sich dieses Jahr von Grimes noch mehr Experiment und von PC Music besseres Songwriting gewünscht hätte, kann beides hier finden. Die charismatischen Vocals von Koumai, öfter in Sprechgesangs-Flow als tatsächlich singend, bringen selbst in die glatteren Produktionen ihrer Co-Komponisten unruhige Wellen oder reiten lieber direkt den Trap-Beat von „Cho Hakkai“. Noch eigener wird es, wenn sich „Shakushain“ mit rappelnder Handperkussion und Stimme auch ganz ohne Melodie aufbaut, völlig abgehoben dann das Footwork-artige „Uran-Chan“, wo die Vocals die genreüblichen Sample-Loops live imitieren. (Uli Eulenbruch)


The OO-Ray – Empty Orchestra [New Ruin]

Der Name ist in vielerlei Hinsicht Programm, bis auf eine Ausnahme: „empty“ ist hier sicherlich nichts. Die Vitalität, die „Empty Orchestra“ von der ersten Sekunde ausstrahlt, ist ganz im Gegenteil eindrucksvoll. Teb Zaberas aus Portland spielt sich als Ein-Mann-Orchester vor karger Drone-Kulisse die Seele aus dem Leib, übersprudelnd vor verschiedenen Ansätzen. Dabei gelingt es ihm, den normalweiser eher statischen Drones durch den Einsatz von Cello und Co. ein mehr als ebenbürtiges Gegenstück vorzusetzen, sie so mit Leben zu füllen und darüber hinaus komplett neu funktionieren zu lassen: als Flickenteppich unterschiedlichster dynamischer Soundansätze von Shoegaze bis Noise Pop. (Felix Lammert-Siepmann)


ABRA – Rose [Awful]

„All I ever wanted/ and all i ever need/ is a beat and a hum/ that can make me feel/ human“, erklärt die Atlanterin gleich zu Beginn ihres Debütalbums. Anstatt die Simplizität ihrer Klangpalette (vor allem der Drum Machine) zu verhüllen, macht sie wie in „Roses“ oder „Atoms“ daraus ein abfängliches Ablenkungsmanöver: Ihr DIY-R’n’B-Pop entwickelt sich dazwischen, aus minimalistisch-ominösen Synthakzentuierungen und vor allem den eigenwillig verwinkelten Stimmschichtungen und -harmonien. Dass die auch ganz alleine für sich stehen können, beweist „Pride“ mit einem fünfminütigen A-cappella-Arrangement im ABRA-eigenen Stimmungs-Dämmerlicht. (Uli Eulenbruch)

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