Ryley WalkerPrimrose Green
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Label:
Dead Oceans
VÖ:
27.03.2015
Referenzen:
Jeff Buckley, Nick Drake, John Martyn, Bert Jansch, Jackson C. Frank
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Autor: |
| Carl Ackfeld |
Folk ist überall. Spätestens seit dem erdballumspannenden Erfolg von Folkverwertern wie den Mumford & Sons, Arcade Fires und Of Monsters & Men dieser Welt kommen nur wenige zeitgenössische rock- und popaffine Musiker ohne volkstümlich verstandenes Beiwerk wie Gitarrenfingerpickings, Streicherfiedelei oder naturverbundenen Harmoniegesang aus. Selbst wenn jetzt erste Vorreiter so langsam wieder den Weg in die Elektrifikation ihrer Songs finden, überall wird noch gerne gezupft, gestrichen oder auch das eine oder andere Glöckchen angeschlagen. Doch neben all diesem verzweckten Traditionsverständnis entstehen wieder die Nischen, die sich der gewachsenen Stilistik dieser regelrecht historischen Klangwelt unterordnen.
Ryley Walker ist garantiert einer dieser traditionsbewussten Musiker, wie sonst lassen sich die zehn Kompositionen seines Zweitwerks erklären? Kunstfertiger, in seiner Geradlinigkeit nahezu archaischer Folk verpuppt sich ohne strenges Musikdiktat zu einer raffinierten Mischung, die von ihrer inneren Improvisationskultur lebt. „Primrose Green“ ist dabei allerdings kein schwerverdauliches oder gar unhörbares Experiment geworden, vielmehr wohnt den Stücken eine Art Puls inne, der die zum Teil sehr zerstreungsfreudigen Songs ordnet, aber eben nicht einbremst.
Schon der Titelsong zeigt die ungeheure Virtuosität des Gitarristen Walker, der wahlweise wirbelnde Akkordfolgen, rasante Fingerpickings oder perkussive Rhythmik mit seinem Instrument erzeugt. Seine Stimme gleicht dabei den Folk- und Country-Heroen der 60er- und 70er-Jahre, mal ähnelt er wie im eröffnenden Titelstück Jeff Buckley, aber auch Nuancen von Nick Drake, John Martyn oder Bert Jansch schimmern je nach Intensität und Improvisationsgrad der Komposition durch. Scheint in dieser Hinsicht das naturbelassene „On The Banks Of The Old Kishwaukee“ wie ein Countrysong ältester Schule, steigert sich vor allem das folgende grandiose „Sweet Satisfaction“ in einen unzähmbaren Improvisiationsrausch, der die flüchtigen Stimmfetzen Walkers nur zu Beginn zu Geltung bringen kann.
Es sind neben Walker, dessen Gitarrensaiten hier und da ein berstendes Endzeit-Tremolo ertragen müssen auch die Begleitmusiker, allesamt gestandene Jazzer und Bluesfolker, die nicht nur „Sweet Satisfaction“ von einem guten zu einem herausragenden Folksong machen. Sie legen ihnen perkussive Gerüste an, ziehen aber die Schlingen nur halbfest, wie im klangwilligen „Sweet Dress“, bilden geschichtete Fundamente, auf denen Walker stimmsicher wandelt, wie im an Jackon C. Frank erinnernden „The High Road“ oder veredeln ein schlichtes Volksliedchen in eine stilbewußte Moritat, indem sie „Hid In The Roses“ bei einfacher Konzeption belassen und lediglich Walker an seiner Gitarre zu Wort kommt. Trotzdem Walker im vorherigen „ All Kinds Of You“ von seiner Angst vor dem Alleinsein singt, in diesen das Album beschließenden gut zweieinhalb Minuten, scheint sie ihm nichts auszumachen.
„Primrose Green“ birgt nichts wirklich Neues, es erweitert lediglich eine Art von Musik, die von Tradition und Kulturverbundenheit lebt um weitere Facetten. Sicher, das machen viele der selbsternannten „Neufolker“ auch, doch klingt es bei Walker deutlich lebensechter, vitaler, organischer. Allen voran die beiläufige Kunstfertigkeit an allen Instrumenten und die für einen 25 Jahre alten Musiker viel zu reife Stimme lassen das Album zu einem wahren Leuchtfeuer werden, gerne auch in „Primrose Green“.


