FKA twigsLP1

Fremde Musik, die einem erstaunlich nahe geht. FKA twigs hebt R’n’B, Trip-Hop und Dubstep auf eine außergewöhnliche Ebene, will mit Etiketten aber nichts zu tun haben. Selten wurden EPs vorab so gefeiert wie im Fall von FKA twigs (beziehungsweise vorhergehend Twigs). Ungeduldig erwartete man das Album, nun ist es da und ist irritierend sowie hypnotisierend. Doch das scheint bei Tahliah Barnett alias FKA twigs ein normales Phänomen zu sein.

Diese zerbrechliche Stimme, dieses Hauchen, Stöhnen und Fiepsen, dazu die Verfremdungen und der Hall. Dieses Rasseln, Knistern, Klappern, diese zersprengten Beats. Was ist das? R’n’B, Trip-Hop oder einfach nur Pop? Von allem etwas und doch nichts davon. Allein schon wenn man einen Blick darauf wirft, welche neuen Schubladen nach der EP2 aufgemacht wurden, findet man so schöne Begriffsbemühungen wie „ethereal dubstep pop“ beim Guardian oder „trip-hop for a new time“ bei Pitchfork. Fragt man die 26-jährige Londonerin selbst, würde sie wohl alle Schubladen seltsam finden. Obwohl mehrere Elemente dieser Musikstile in ihrer Musik zu finden sind, mag sie persönlich R’n’B nicht besonders, hat Dubstep nie verfolgt und bezeichnet die Verknüpfung ihrer Musik mit Trip-Hop als „lazy journalism“.

Ist das der Grund, warum ihr Sound so zukünftig und kaum zugänglich klingt? Weil sie sich für moderne Musik kaum interessiert und sich trotzdem zeitgemäßer Mittel bedient? Die Songs erreichen in Momenten eine unheimliche Intimität durch vollständig entzerrte Klangelemente, welche sich rasant verdichten wie eine dickflüssige Masse, die sich zu einer Figur zusammenfügt, um daraufhin wieder in sich zusammenzufallen. Es fühlt sich an wie ein Schwebezustand – einsam, allein und bodenlos. Einige Songs muten nahezu sakral an („Preface“, „Closer“), andere wirken in ihrer fremden Geräuschanordnung klaustrophobisch („Pendulum“, „Kicks“). FKA twigs baut ein Gerüst aus wackeligen Bässen, flirrenden Synthies und aufschäumenden Keyboardmustern. Sollte dieses Klanggerüst einfallen – und das passiert oft, wenn alle Elemente plötzlich still stehen –, bleibt meist der Hall, welcher ähnlich wie das fragile Soundgerüst den Hörer komplett in einer hypnotisch-intimen Stimmungshülle zurücklässt, wenn er sich nur darauf einlässt.

Diese besondere Art des Gesangs und das Zusammenwirken aller Elemente ist zunächst gewöhnungsbedürftig, besonders da es keinen Track gibt, der wirklich als Hit durchgehen könnte. Man lässt sich berauschen und ist, wie erfahrungsmäßig üblich nach Rauschsituationen, sich nicht ganz sicher, ob das nun notwendig oder unsinnig war, befriedigend oder zermürbend, entspannend oder anstrengend. Doch wird diese Skepsis direkt von der Begeisterung verschluckt, denn auch wenn es übertrieben klingen mag: Hier steckt ein Stück Zukunft drin!

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