Zum Cassette Store Day 2013

Heute findet der erste „International Cassette Store Day“ statt, eine Art Äquivalent zum „Record Store Day“. Wie dieser wird er durch exklusive Veröffentlichungen und Aktionen in Plattenläden gefeiert.  

Und da stoßen wir auch schon auf eines der größten der diesen Tag betreffenden Probleme: Plattenläden gibt es, wer jedoch kennt Kassettenläden? Damit wollen wir uns aber nicht weiter aufhalten, die Musikkassette (kurz MC) ist einfach ein Medium, das noch seltener als die nicht gerade omnipräsente Schallplatte vorkommt. 12“, 7“ und sogar 10“ haben ohne Zweifel weitaus mehr Chancen auf eine erneute Etablierung als die totgesagte Kassette.

Was aber besagt „totgesagt“ in diesem Zusammenhang eigentlich? Womöglich bedeutet es „Kein Mensch braucht Kassetten, niemand möchte sie, und deshalb gibt es keine mehr“, was einleuchtend scheint, das klingt nach Sterben und Vergessen. Mit einem einfachen und wirklichen Ableben ohne Einwirkung hat es allerdings wenig zu tun, besonders, wenn es um Kommunikation und technischen Geräte geht. Diese verschwinden ja nicht allein, wenn sie unnütz sind, sondern auch, wenn ein neues Format oder ein neuer Vertriebsweg eingeführt werden soll – kann dadurch doch der eh vorhandene Bestandskatalog erneut verwertet werden.

Es dürfte also nicht nur an ihren relativen Nachteilen liegen, wenn die Kassette in der Musikwirtschaft kaum noch eine Rolle spielt und nur wenige überhaupt Abspielgeräte für dieses Format besitzen, sondern zu einem guten Teil schlichtweg am Vorhandensein neuerer Tonträger.

Das Wort „Tonträger“ ist etwas irreleitend, es klingt so, als hätten LPs, CDs oder MCs eine rein praktische Funktion, eben die eines Trägers. So, als wäre der Ton an sich ätherisch, als würde es die ideelle Musik an sich geben, die von irgendeinem Ort aus zu den Hörern getragen werden muss. Doch nur, wer die Unterschiede zwischen einem Youtube-Fanvideo, einem 128-kbps-Rip oder der FLAC-Datei, einem Konzert im Club oder einem Open Air, dem Leiern einer Kassette, dem Knacken des Vinyls oder der Klarheit einer CD, dem Streamingangebot mit Werbeunterbrechung, dem flachen Sound eines Mobiltelefons, der dramaturgischen Dynamik eines Albums im Vergleich zu einer Playlist und überhaupt all die Facetten der Aufführung von Musik – denn das ist jedes Spielen und Abspielen – nicht kennt, kann dem zustimmen.

Er oder sie würde vielleicht sagen, MCs seien eben einfach überholt, drückt damit aber unbeabsichtigt und indirekt die Bereitschaft aus, etwas zu verpassen. Nicht, weil Kassetten „retro“ wären. Das ist ein durch Marketing belastetes Wort, dessen Verwendung nur Sinn ergibt, wenn es als selbstverständlich gilt, immer nur neue Produkte und deren Variationen zu erwerben. Kassetten ermöglichen einfach eine andere Art des Hörens als andere Formate, weil jedes andere Eigenschaften besitzt. Warum nicht gleich so weit gehen und sagen, es handele sich bei der Entscheidung der Künstler für dieses Medium und andere um eine mögliche Entscheidung für eine Werkform, da sich in etwa Klangspektrum und Spieldauer ja stets unterscheiden? MP3s, Platten, CDs und Kassetten müssen unterschiedlich gemastert werden, werden an unterschiedlichen Orten gehört und geben so einen unterschiedlichen Rahmen für eine Auseinandersetzung mit denselben Songs, so wie eine Kurzgeschichte im Taschenbuch anders aufgefasst wird als im Blog oder als Teil eines Magazins.

Sicher ist die Musik nicht vollständig durch das Medium geprägt, es spielt aber so lange eine Rolle, bis wir unsere Wahrnehmung vollständig unter Kontrolle haben – ein Zustand, der eher nach Esoromantik oder Science-Fiction als nach Musikhören klingt. Was dieses anbelangt, haben wir noch keine riesigen Fortschritte gemacht, womit das Hören an sich, nicht seine Umstände wie Mobilität und Verfügbarkeit gemeint sind. Synästhetisches Hören wäre ein Fortschritt, Streaming hingegen ist weder die Zukunft des Musikhörens noch die der Musik, es ist ein derzeit einträglich werdendes und mit Sicherheit einträglicheres Geschäftsmodell als der Absatz von Kassetten.

Beides wie auch alle anderen Medien und Vertriebswege sind nur Teil zahlreicher Angebote, sich mit der Kunstform Musik auf eine vielfältige Art zu beschäftigen, eine Möglichkeit, deren Vorhandensein durch Begriffe wie „retro“, „zeitgemäß“ und „totgesagt“ verdeckt wird. Niemand käme auf die Idee, in der bildenden Kunst Museen, Galerien, Drucke und Bildbände gegeneinander auszuspielen, um damit Geld zu verdienen, denn sie ist keine Massenware. Musik hingegen schon, also muss auch viel mehr geworben werden und zur Reklame gehört ein Gerede von Modernität und Vorteilen von Formaten, denen keine Nachteile gegenüberstehen. Die nämlich gibt es nicht, nur Unterschiede zwischen Formaten, die in der Lage sind, Werkformen hervorzubringen. Ich freue mich auf den ersten MiniDisc-Day.

Homepage des Cassette Store Day

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