Prudence Rees-Lee: Gelispelte Sommernachtsträume

Im Englischen wird der Buchstabe „S“ noch häufiger als im Deutschen stimmlos ausgesprochen, als ein scharfes, oft kurzes Zischen. Bei entsprechender Bildung des Kiefers, einem falschen Erlernen oder aus diversen anderen Gründen kann es aber vorkommen, dass Menschen beim Versuch dieser Lauterzeugung nur ein weicher Ton gelingt, der mehr einem „Ch“ ähnelt. Gemeinhin fasst man dies als den Sprachfehler „Lispeln“ auf.

Nicht nur der Hörverständlichkeit kann dieses hinderlich werden. Kaum vorstellbar, dass beispielsweise ein Mick Jagger den gleichen Effekt auf die Musikgeschichte gehabt hätte, würde ein „Satisfaction“ aus dicken Lippen mit ebenso dickem Lispeln angeführt. Im Falle der Australierin Prudence Rees-Lee erweist sich jedoch die vermeintliche Inkorrektheit ihrer Aussprache als überaus zuträglich für die Wirkung ihrer Musik: Nicht nur der Titel ihres Albums „Court Music From The Planet Of Love“ mutet an, als sei er vom Hier und Jetzt weit entfernt, ihre von Cembalospiel geführten Kompositionen wirken direkt dem Märchenwald entwandert.

Songs wie „The Way“ erschöpfen sich jedoch nicht in mittelalterlichen Klangkostümen. Über Schlagzeugspiel mit gelegentlichem Progschnörkel-Touch mischen sich Cembalo und einige Jahrhunderte modernere Synthesizer, akzentuiert von Streichern und Holzbläsern. Das am meisten von allen Stücken in (19)60er-Pop übergehende „Morning“ wartet gar mit sonnig-wohligen E-Gitarrenslides auf. Die benebelte Sommernachtstraum-Wirkung dieser Musik geht sowohl vom ungemein warmen Klang der Instrumente als auch von ihrem Spiel aus, sie werfen immer wieder feine Ornamente und grenzlabyrinthine Mini-Exkursionen in ansonsten geradlinig-eingängige Songs.

Und dann ist da eben noch diese Stimme, gerne auch in schwelgerisch langgezogenen Vokalen verdoppeldreifacht, die in Rees-Lees Songs reinzuziehen sucht und zugleich selbst völlig von dieser Welt bezaubert scheint. Sie ist weich gehaucht, vor allem aber auch an den Rändern ihrer Aussprache extraweich, weil ihr die Schärfe eines Zischlauts nahezu völlig abgeht und wirkt so noch eindringlicher in dem, was sie vermittelt. Ein Bug, der zum Feature wurde.

„Court Music From The Planet Of Love“ ist auf Special Award Records erschienen.

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