Pet Shop BoysElectric

Es gibt diese Stimmen, die sich früh ins Gedächtnis eingraviert haben. Das Beste aus den 80ern, 90ern und das Beste von heute überfiel die meisten von uns wahrscheinlich in der vorletzten Dekade auf der Rückbank der Familienkutsche. Dazu gehört natürlich auch die markante Stimme von Neil Tennant, Sänger der Pet Shop Boys – eben der Band, die seit Anbeginn der Tage sowohl via Eurotrash-Speichern wie den „Bravo Hits“-Compilations tradiert wurde, aber auch zum festen Bestandteil des popkulturellen Feuilletons gehört. Warum eigentlich? Weshalb genau liefert denn eigentlich auch das dreizehnte Album mehr als etwa als ein „Call Me Maybe“? Man könnte meinen: musikalische Doppelbödigkeit und Subtext.

Kompositorisch zumindest gibt sich das Duo auch auf „Electric“ gewohnt gefällig. „Bolshy“ frohlockt popaffin mit bittersüßer Melodie, „Vocal“ setzt noch einen drauf und zelebriert ungeniert frenetisch mit plastikhaften Synthies die Ära Eurodance. Und natürlich darf auch hier keine Coverversion fehlen – das Format, das bei dieser Band jedoch mehr als triste Reproduktion bedeutet. Bruce Springsteens „The Last To Die“ wird mit Beats, dunklen Synthieteppichen und Streichersimulationen (klar, Pathos ist eines der Hauptstilmittel von den Altmeistern der elektronischen Tanzmusik) unterlegt. Das Intro soll ebenfalls Erwähnung finden: „Axis“ ist neben „Shouting In The Evening“ ein „instrumentaler“ Track des Albums, der mit gedrosseltem Electrobeat großspurig das Inferno beginnt. Auch nach Bandaussage ist dies das tanzbarste Album seit langer Zeit, gen Großraumdisco wird hier aber nicht geschielt. Pet Shop Boys sind sowieso schon drin und ein negativ kodierter Begriff war sie für das Duo ohnehin nie gewesen. Beim zweiten Durchlauf offenbart sich dann aber doch zeitweise die Vielschichtigkeit der Kompositionen: „Fluorescent“ vereint sowohl Gruftie-Disco und Electro-Tanzfläche. „Shouting In The Evening“ präsentiert sich technoid, zerhackt und jagt fleißig Samples durch die Vocoder, poltert gewaltig in bester Boys-Noize-Manier (der übrigens einen Remix für das Intro produziert hat). Insgesamt ist das Album deutlich knalliger geraten als die Vorgängerwerke, deren gediegene Tendenz spätestens bei „Yes“ begann.

Interessanter ist aber letzten Endes erneut der Referenzreichtum dieser Platte. Folgt man einer Fanpage (teilweise liegen hier sicherlich Überinterpretationen vor, aber is it a sin?), die als Archivbunker und Querverweissammlung fungiert, findet sich in den Anfangssequenzen von „Inside A Dream“ eine elektrifizierte Übernahme von Orgelpassagen aus dem „Phantom der Oper“. Der Track „Love Is A Bourgeois Construct“ wiederum orientiert sich an einer Bearbeitung, die der Minimal-Musiker Michael Nyman an einer Komposition von Henry Purcell für einen Film vorgenommen hat. Und wo wir gerade bei der Bourgeoisie sind, die kriegt auch ihr Fett weg: „While the bankers all get their bonuses, I´ll just get along with what I´ve got.“ Tennant singt weiter: „Love is just a bourgeois construct, so I´m giving up the bourgeoisie until you come back to me.“ Dazu gesellen sich dann Chöre, wie man sie aus „Go West“ noch in Erinnerung hat. Auf „Thursday“ setzt sich die Revolte und subtile Absage an die Leistungsgesellschaft weiter fort und die Pet Shop Boys geben zusammen mit dem Rapper Example kund, dass man insgeheim schon Donnerstagnacht auf Wochenende-Modus umschalten soll.

Übrigens: Auch ohne diese Querverweise macht diese Platte Spaß. So sehr, dass man sich teilweise peinlich berührt dabei auf die Schliche kommt, wie man zum Beispiel zum Schlusslicht „Vocal“ mitwippt, welches wirklich gar keine Trash-Berührungsängste hat. Den Pet Shop Boys ist das keineswegs peinlich. Hier wird der Dance-Community gehuldigt, fast schon nostalgisch den Neunzigern. „It´s in the music, it´s in the song and the feeling of the warmth around us all is so strong.“ Ein Punkmusiker hat im Musikexpress-Fragebogen auf die Frage, was für Musik er nur heimlich hören würde einmal geantwortet, dass er sich für nichts schämt, das ihn emotional kickt. In dieser Hinsicht mal nachgefragt: Punkattitüde bei den Pet Shop Boys? Vielleicht gibt es ja sogar ein paar kleine Querverweise? Eventuell vollkommen überinterpretiert, aber egal. Gleich nochmal anhören.

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