Was für ein wunderbares Covermotiv! Denn mal ganz ehrlich, was kann bedrohlicher sein als der menschenleere Parkplatz einer Shopping Mall in diffusem Nebel, auf dem lediglich ein letzter, hastig verlassener Einkaufswagen steht und ein paar Laternen erfolglos gegen das Verschlucktwerden anleuchten. Bei diesem Bild assoziiert und antizipiert man doch sofort Horden von hirnlosen Konsum-Zombies, die gleich schreiend, grunzend und blutverschmiert aus dem Nebel auftauchen um einem das Leben wahrlich zur Hölle zu machen. Schon George A. Romero wusste um die Wirkung eines Einkaufszentrums und dessen feste Verankerung im menschlichen Wertekanon weit über den geistigen Tod hinaus.

Es kommen einem auch andere postapokalyptische Szenarien wie bei John Hillcoats „The Road“ oder die dystopische Welt des neuesten Videospiel-Blockbusters „The Last Of Us“ in den Sinn. Allesamt also Weltentwürfe, in denen hinter jeder Ecke marodierende Banden (gerne auch staatlich sanktioniert in Form von Soldaten), Krankheit und Tod lauern, in denen es scheinbar keine Ethik und keine Moral mehr gibt und die vermutlich auch deshalb so gut als Zerrspiegel unserer Zeit taugen. Dieses wunderbare Bild eines implizierten Grauen beschert uns die Chicagoer Band Locrian, die ihr neues Album auch gleich noch „Return To Annihilation“ genannt hat. Wobei offen bleibt, ob wir im Post-9/11- und NSA-Zeitalter eine Rückkehr zur Auslöschung nicht schon mehr als ansatzweise vollzogen haben. Was das für uns und unser zukünftiges Zusammenleben bedeuten könnte, kann ja der „Roundtable“ auf der phil.cologne unter der Leitung von Christian Kracht  – natürlich Ergebnis offen! – diskutieren.

Musikalisch macht es einem die Band erst mal gar nicht so einfach, sie in eine der bei Musikjournalisten so beliebten Genreschubladen zu stecken. Die Musik, die Locrian spielen, entwindet sich oftmals einer eindeutigen Zuordnung – was natürlich in keiner Weise negativ zu verstehen ist. Im Grunde genommen müsste wohl einmal mehr von Post-Irgendwas gesprochen werden und das ist hier auch tatsächlich durchaus angebracht, denn es ist schon spannend zu beobachten, zwischen wie viele Stühle sich die Band setzt. Die instrumentalen Passagen weisen durchaus eine Nähe zu der Art elektronischer Musik auf, wie sie zum Beispiel Prurient oder Raime auf Blackest Ever Black veröffentlichen – nur dass hier eben eine Band agiert -, um dann zum Post-Rock à la Godspeed You! Black Emperor zu kippen, anschließend elegisch in Horrorfilm-Prog zu schwelgen, einfach im schönsten Drone-Ambient zu ersaufen oder dem Hang des Doom zur großen Geste der Auflösung zu frönen.

Die Zeichen stünden also auf Post-Rock, wäre, ja wäre da nicht dieser Gesang: Ein (an-)klagendes Gefauche aus den tiefsten Tiefen des Black-Metal-Orkus, losgelöst von jeglicher erfahrbarer Körperlichkeit. Auch wenn er manchmal nur für 30 Sekunden oder am Ende von ausgedehnten Songexkursen auftaucht, impliziert er sofort eine weitere, eine (wenn auch nicht explizit) politische Bedeutungsebene. Er bringt eine sich aufbäumende, widerständige Aggression gegen die obigen Dystopien in Stellung, der freilich das Scheitern, die Ohnmacht weitgehend eingeschrieben bleibt. Das bleibt dann allerdings auch der einzige Verweis auf Black Metal, denn die genretypische Rhythmik sucht man auf „Return To Annihilation“ nahezu vergebens.

„Return To Annihilation“ präsentiert einen eigenständigen, trotz seiner Sperrigkeit eingängigen musikalischen Entwurf. Über die Albumlänge betrachtet, bieten Locrian den rational unterkühlten Gegenentwurf zu Deafheavens bei aller Harschheit warmer, apokalyptischer „Sunbather“-Erhabenheit. Dabei erreichen sie zwar leider nicht ganz deren Brillanz oder genresprengendes Potenzial, trotzdem setzen Locrian die Reihe guter bis herausragender (Post-)Metal-Alben des Jahres 2013 fort, das uns schon VHÖL, Portal, Deafheaven oder Altar Of Plagues beschert hat.

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