AUFTOUREN beim Sónar Festival Barcelona

Zum 20. Jubiläum präsentierte sich das Sónar Festival wie immer grundsympathisch, aber auch gefangen in der eigenen Zerrissenheit zwischen Nische und Mainstream: das Lineup reichte dabei von AlunaGeorge über Kraftwerk und Skrillex bis hin zu Vatican Shadow.

Es ist ja so eine Sache mit den meisten Festivalberichten. Oft sind sie zu langatmig und verlieren sich in den endlosen Aufzählungen der aufgetretenen Bands, weil es einfach zu verlockend ist, vor der Masse an Eindrücken zu kapitulieren. Zu jedem Auftritt eine kleine Anekdote, mehr nicht, schon füllen sich die Seiten von alleine. Als Ausweg bleibt einem nur die Flucht in die Subjektivität, das radikale Aussieben und die Hoffnung, das Wichtigste nicht verpasst oder vergessen zu haben.


Mykki Blanco

Was vom diesjährigen Sónar zum Beispiel in Erinnerung bleiben wird sind Bat For Lashes, bei deren Auftritt einem älteren Herrn im Publikum dicke Tränen über seine unrasierten Wangen kullerten, als Natasha Khan endlich, endlich „Laura“ anstimmte. Oder Mykki Blanco, der während seiner überraschend minimalistischen Show immer wieder die Nähe zum Publikum suchte, am Ende für Minuten inmitten seiner Fans blieb, für Fotos, Küsschen und Umarmungen. Oder Jurassic 5, die eine vollkommen authentische Oldschool-HipHop-Party feierten, inklusive skurrilster Scratcheinlagen auf überdimensionalen Plattenspielern.


Kraftwerk

Für viele Gäste stellten allerdings Kraftwerk das uneingeschränkte Highlight dieses Wochenendes dar – und das nicht zu Unrecht. In einer aufwendigen 3D-Show präsentierten sie all ihre Hits von „Autobahn“ bis „Neon Lights“. Im Gegensatz dazu gaben die Pet Shop Boys am folgenden Tag eine regelrecht traurige Gestalt ab und spielten fast ausschließlich Stücke ihres bald erscheinenden Albums.

Die wichtigste Neuerung des diesjährigen Sónar war aber fraglos der Umzug des „Sónar by Day“-Programmes aus den Räumlichkeiten des altbewährten, jedoch überschaubaren MACBA-Geländes in eine sehr viel größere Messehalle am Plaça d´Espanya. Auch für das Tagesprogramm konnten nun entsprechend renommierte Acts gebucht werden, um das Publikum auf schließlich stolz verkündete „121000 Menschen aus 102 Ländern“ aufzublähen.

Obwohl eine derartige Entwicklung aus Perspektive der Veranstalter anscheinend vollkommen erwünscht ist, muss sie der Festivalatmosphäre nicht zwangsläufig zuträglich sein. Selbst kleinere Künstler bespielten plötzlich riesige Bühnen und selbst am Nachmittag dominierte bereits ein Eventcharakter, wie man ihm nicht an jedem Wochenende beiwohnen muss – von den Auftritten eines Skrillex oder Paul Kalkbrenners am Abend ganz zu schweigen.


Diamond Version

Durch den Umzug bot sich aber auch der Raum für spannende Workshops, Installationen oder Filmvorführungen, als deren multimediales Highlight sich unter anderem Dinos Chapmans „Luftbobler“ entpuppen sollte. Dessen minimalistischer Technoentwurf zwischen GAS und Boards Of Canada stellte ein äußerst willkommenes Gegengewicht zu den recht zahmen Neo-Klassik-Acts, wie Francesco Tristano oder Ólafur Arnalds, dar.

Weitere Highlights waren Chromatics, Diamond Version, Nicolas Jaar oder AlunaGeorge, deren zukunftsträchtiger, glasklarer Popentwurf jedoch in der Livedarbietung plötzlich deutliche Risse aufwies. Leider stand der Vielzahl an überzeugenden Auftritten und nächtlichen DJ-Sets auch ein ebenso beachtlicher Berg an mittelmässigen Performances entgegen, was nicht zuletzt dem Anspruch der Veranstalter geschuldet ist, das Sónar als eine weltweite Marke zu etablieren und in jedem Jahr einen neuen Besucherrekord aufzustellen.


AlunaGeorge

So spannend manche Facette dieser Großveranstaltung auch sein mag, so ermüdend wirkt manch andere. Um etwa festzustellen, dass andere Veranstalter nicht minder gute Arbeit leisten, musste man an diesem Wochenende nicht einmal über die Grenzen Barcelonas hinausschauen. Parallel zum offiziellen Sónar-Programm spielten verteilt über die ganze Stadt zum Beispiel Lone, Machinedrum, Madteo, Donato Dozzy, Nina Kraviz, Nathan Fake, Model 500, Ben UFO oder Joy Orbison. Im Angesicht manch skurriler Darbietung auf dem Sónar musste man sich da mitunter ernsthaft fragen, ob man gerade tatsächlich vor der richtigen Bühne steht.

Bilder: Oscar Garcia (Kraftwerk), Juan Sala (Mykki Blanco, Diamond Version, AlunaGeorge)

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