DaughterIf You Leave

Der Tag war lang, die Schatten tief. Die Schultern schmerzen, weil man sie vor Kälte bis unter die Ohren schob. Nach Hause, Schuhe in die Ecke gekickt, dicke Socken an und Daughter machen Feuer im Kamin. Alles dreht sich um die hypnotische Stimme von Elena Tonra. Ihre Bandkollegen Igor Haefeli und Remi Aguilella flankieren, oftmals im Hintergrund, um gelegentlich akustisch den Vorhang aufzureißen.

„We are the wreckless, we are the world youth.“ Daughter sind Lebensgefühl eines Winterendes, das erste Knospen nach oben lockt. Diesem Bild folgt auch der Eingangstrack „Winter“: Zunächst fast gehaucht und mehr gesprochen als gesungen, brechen sich Tonras prägnante Stimme und die Instrumente nach ein paar Momenten die Bahn, um wieder eingefangen zu werden und das Schema erneut zu beginnen. „If You Leave“ ist das erste Album der drei in London Ansässigen. Zwei zuvor veröffentlichte EPs („His Young Heart“ und „The Wild Youth“) reichten aus, um 700 Menschen in die damit ausverkaufte Assembly Hall von London zu locken, ähnlich steht es schon jetzt mit einigen Daten ihrer Europatournee. Daughter treffen einen Nerv, sind dicht, sphärisch, klingen streckenweise (in „Smother“ zum Beispiel) wie aus einer anderen Welt.

Sie laden ein, sich in ihren Kokon zurückzuziehen, in dem es Geschichten aus der Welt da draußen gibt, der aber der Welt ein wenig entrückt zu sein scheint. Daughter begann zunächst als Soloprojekt von Elena Tonra im Jahr 2010, mittlerweile ist die Dreier-Combo geübte Praxis. Dennoch haben sich Daughter in ihrer Musik den Charakter einer ersten Begegnung, eines Kennenlernens bewahrt. Man erfährt viel, wenn man gut zuhört und sich Zeit nimmt. Charakteristisch für das erste Kennenlernen ist ja, sich selbst verwundert zuzuhören, was man dem Fremden da so alles preisgibt. Weil man sich in der Situation wohlfühlt, weil es aufgrund fehlender Zusammenhänge keine Schwäche ist, Schwächen und Wunden zuzugeben, sondern Stärke.

Stärke strahlen sie trotz ihrer streckenweise sehr fragil wirkenden Instrumentierung aus. Die Stimme Tonras zieht bei „Youth“ Perkussion und Gitarren hinter sich her wie einen Kometenschweif. In dem Song, der mittlerweile auch tolle Remixe durch (unter anderen) Alle Farben erfahren hat, treffen sich alle guten Herzensbrecherelemente der Indie-Folk-Schublade, in der sich Daughter eigenständig und widerspenstig bewegen. Schon jetzt finden sich Songs der drei in Werbespots von Fluglinien und in diversen TV-Serien. Ohne despektierlich sein zu wollen: Für dramatische Szenen eignen sich ihre Stücke perfekt. Immer wieder sind sie noch steigerungsfähig, erklimmen einen weiteren Gipfel, obwohl man sich schon oben glaubte. Und das Gefühl eines gebrochenen Herzens, das kennt schließlich jeder. Und das einer verlorenen Generation, das „Youth“ drastisch beschreibt, vielleicht auch.

Und genau deswegen sind Daughter eben etwas anders als all jene Bands, mit denen man sie vergleichen könnte. Die Intimität, die Tonra schafft, macht in Kombination mit teils drastischen Texten das Vergleichen schwer. Sie singt vom Sehnen und Verlieren, vom Hadern mit dem Leben, das Vernunftentscheidungen verlangt, wo dem Herzen gefolgt werden wollte („Still“). Aber gerade auch Titel wie „Lifeforms“, in denen die liebliche Stimme Tonras und die gefällige Instrumentierung verführen wollen, graben auf den zweiten Blick sehr tiefer in düsteren Szenarien („Clean up the dead you leave behind – just like insects“). Wer Tonra verlässt, sollte sich auf Rache gefasst machen.

Und gerade das macht „If You Leave“ so spannend. Wer es oberflächlich hört, wird nicht enttäuscht werden – aber eine Menge verpassen. Denn in den Lyrics steckt jede Menge Düsteres und Endzeit, von dem nicht ahnt, wer schnell konsumiert. Aber die beständige Entschleunigung, das Auf und Ab in Tempo und Intensität der Instrumentierung legen nahe, sich weiter einzulassen mit dem, was Daughter darbieten. Das Album liefert seine Sperrigkeit nicht beim ersten Hören aus. Das Hörerlebnis verändert sich mit jeder Plattenumdrehung und erst bei Wiederholung eröffnet sich das gesamte Daughter-Universum. Gefällig nur auf den ersten Blick.

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