Ein Album wie Hefekuchenteig. Man muss es ruhen lassen. Unbändige, fassungslose Begeisterung bricht beim ersten Durchlauf von „All Hail Bright Futures“ nicht aus. Den Vorgänger „Gangs“ im Jahr 2011 zu hören, das war unvergleichlich und ließ uns die Hände in den Himmel recken. Wütend, unmittelbar und experimentell war das. Die eigene Erwartung an ein neues Album der Jungs aus Belfast kann somit nur zu hoch sein.

Genies mit ihren früheren Werken zu konfrontieren ist nie fair. Doch es ist so: Das Rohe hat einer gewissen Abgeklärtheit und Ruhe Platz gemacht. Ohne dabei Verluste an musikalischem Talent an sich zu verzeichnen – auch wenn Gründer und Gitarrist Tony Wright zwischenzeitlich „in aller Freundschaft“ ausstieg. And So I Watch You From Afar sind und bleiben eine Instrumentalband. Mit dem aktuellen Album platzieren sie ihre Faust jedoch nicht in unseren Gesichtern, sondern zeigen in Teilen ziemlich filigran und langatmig, was mit „instrumental“ so gemeint sein kann. Leider verharrt das Album damit bei manchem Song in sicher solidem, aber eben nicht schmerzhaft begeisterndem Handwerk. Vor allem der Titelsong ist hierfür ein Beispiel: Er klebt mit den Füßen am Boden, er stampft nicht auf, ist gefällig.

Dabei geht es doch eigentlich ganz gut los – mit „Eunoia“ (Wissen to go: Das kürzeste englische Wort, das alle Vokale enthält. Aus dem Griechischen stammend, bedeutet es übersetzt so viel wie „schönes Denken“). Bei ASIWYFA bedeutet „Eunoia“ Aufwärmen, Vorfreude, Steigerung. Sein Intro ist klassisch: Ein Instrument nach dem anderen steigt ein, die Schweißbänder werden zurechtgerückt, leise schleichen sich auch Vocals ein, mehr gesprochen als gesungen. Ein Klangteppich und ein wenig auch Brei, der sich am Ende der 2:13 Minuten kaum noch in seine Einzelteile trennen lässt. Doch das muss auch nicht sein, bricht sich doch ohne Übergang „Big Thinks Do Remarkable“ seine Bahn. Freudige Gitarre, Riffs und Tempowechsel, nach zwei Minuten setzt der Refrain ein: „The sun is in our eyes“. Mehr aber auch schon nicht, sondern die pure, überschäumende, ansteckende und temporeiche Spielekstase. Auch im achten Jahr ihres Bestehens bleibt die Band sich treu: Die Drums jagen die Saiteninstrumente vor sich her wie Katz und Maus. „Like A Mouse“ kommt gedrillt daher, der Trommler peitscht den etwas lustlosen Chor, der Sprachfragmente intoniert, durch den Raum. Man langweilt sich etwas, als „Ambulance“ wie ein Echo des zuvor Gehörten klingt.

Bergauf geht es dann aber mit dem eingängigen „The Stay Golden“, das mit Synthesizern spielt, fiepst und übersteuert, der chorale Gesang glättet die Kanten, ohne sie völlig abzurunden. Hier blitzt wieder das Hymnische von ASIWYFA durch. Der Song ist weniger Puzzle denn Geschichte, die Instrumente stützen den Gesang. Es wirkt, als habe sich die Band an diesem Punkt warmgelaufen und im Keller noch weitere Instrumente wie Steel Drums und zwitschernde Vögel zwischen Kuhglocken und jubelnden Trompeten gefunden. „All Hail Bright Futures“ gefällt nach den ersten vier Songs deutlich besser, ist dichter und packender inszeniert. Mit „Trails“ und „Mend And Make Safe“ ist man endgültig versöhnt, sie sind beschäftigt, ohne in Effekthascherei zu kippen. Man will dran bleiben, Schmunzeln bei „Ka Ba Ta Bo Da Ka“ – so lautet auch der Text dieses sehr verspielten kanonartigen Songs, in dem die Stimmen Drums spielen. „Things Amazing“ ist richtig schön schwer, vereint dampfend Handclaps und flirrende Gitarren, während sich Bass und Drums in den Staub drücken. Die Derwische aus Belfast scheinen etwas gezähmt und weniger wahnsinnig. Die Wut, der Schmerz der ersten Alben und EPs, er scheint ein wenig geheilt.

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