SuunsImages du Futur

Musikrezeption und damit auch die Arbeit von uns Rezensenten funktioniert ja heutzutage größtenteils nach dem Schubladenprinzip: „Klingt so wie …/ Mischung aus …“, etc. pp. Selten genug passiert es da, dass ein über die Jahre gewachsener Verweiskatalog da nochmal ernsthaft aus den Fugen gerät.

Das zweite Album der kanadischen Suuns ist so ein Fall. Freilich steht „Images Du Futur“ in irgendeiner „Kid A“-Tradition zwischen Electronica und Gitarrenmusik, selbstredend machen Suuns irgendwie auch Neo-Kraut, alten Hasen würden vielleicht sogar halbvergessene Bands wie Clinic dazu einfallen. Wirklich nahe kommt man der Platte mit solch lexikalisch angehäufter Pop-Kompetenz jedoch nicht.

Um es nicht unnötig zu verkomplizieren, könnte man vielleicht sagen, Suuns machen einfach Rockmusik – und zwar von der selten gewordenen Sorte, die ihr Heil nicht in einer mythologisch verklärten Vergangenheit sucht, sondern tatsächlich noch so etwas wie Zukunft (Ha, der Albumtitel!) in diesem fast ausschließlich von der Retrospektive lebenden Genre sieht. Die Zukunft, die Suuns zeichnen, ist allerdings eine ziemlich dystopische. Die gepresste Kopfstimme von Sänger Ben Shimie schwankt irgendwo zwischen schlechtem Trip und Fiebertraum, verleiht dem zumeist doch recht klaren Suuns’schen Klangkosmos aber in jedem ein Fall eine zusätzliche Form von Paranoia, wenn sie rätselhafte Satzfetzten mantraartig zerdehnt und durch die Songs treibt.

Es ist eine seltsame Form von Psychedelic, die hier unter der erstaunlich transparent gehaltenen Produktion lauert. Eine, die so rein gar nicht zum bekannten Bild von kunterbunten 60er-Spielereien und zugedröhnten Spacemen-Gitarren passen mag. Technoide Beats und meist klinisch sauber gehaltene Gitarren- und Bassläufe bilden hier statdessen die Basis. Die Art, wie diese sich mit mal wabernden, mal sirenenartigen Synthesizern überschneiden, ja beißen, sorgt für ein charakteristisches Gefühl der Beklemmung. Nur in seltenen Momenten, wie dem poppigem „Mirror Mirror“, holen Suuns einmal den Rockhammer raus und überhöhen ihr wohlaustariertes Gerüst mit fetten Bratgitarrenriffs. Ausreißer sind ansonsten mehr oder weniger dezent gesetzt. Der Opener „Powers Of Ten“ erweist sich als brisante Mischung aus gezähmten Black-Metal-Gitarren, DFA-Kuhglocke und einem geisteskrank nuschelnden Fußgängerzonen-Prediger. In „2020“ mimen Subbass-Grollen und eine schrill aufkeifende Gitarre die Fahrstuhlfahrt zur Hölle, „Bambi“ hingegen besticht durch Mathrock-Eruptionen und wundersame Abzählreime. Ganz zum Schluß in „Music Won’t Save You“ beschließen dann bezeichnenderweise eingespielte Comedy-Lacher dieses von Zerrbildern geprägte, verstörende kleine Album.

Mit der Art und Weise, wie sie sich Elemente ihrer mal mehr, mal weniger zu erkennenden Vorbilder aneignen, wie sie simple aber wirkungsvolle Details zu einem klaustrophobischen Gesamtbild zusammenfügen, gelingt Suuns etwas, woran zuletzt viele junge und ambitionierte Bands scheiterten: Das Ausformulieren einer eigenen musikalischen Formsprache. Wenn es ihnen in Zukunft auch noch gelingen sollte, konstant erstklassige Songs zu schreiben, könnte einem im wahrsten Sinne des Wortes Angst und Bange werden.

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