RhyeWoman

Informationsverknappung besitzt im Informationszeitalter einen besonderen Reiz. Ob als datenpolitisches Statement, aus Sicherheitsgründen, aus Scheu oder zur mysteriösen Inszenierung: Gerade dann, wenn sich andere ein Bild machen wollen, führt die Abwesenheit jeglicher Angaben seltener zu einer Bemühung um Objektivität als wilderen Spekulationen.

Eben weil Rhye ihre Musik für sich sprechen lassen wollten und ihre Identitäten lange aus der öffentlichen Konversation heraushielten, entstand über das Sexvideo und körperbetonte Artwork zu ihrer Debütsingle „Open“, die zarten Vocals und die direkt anstatt geschlechtsspezifisch in dritter Person adressierten Texte bei manchen der Eindruck einer Sängerin, die bald auch ein frisches Gesicht im Scheinwerferlicht präsentieren würde. Tatsächlich entpuppte sich jedoch der Kanadier Michael Milosh als die stimmliche Hälfte des Duos, ebenso wie sein schwedischer Partner Robin Hannibal ist er bereits seit einem Jahrzehnt musikalisch aktiv. Was ihr bisheriges Schaffen angeht, trägt Rhyes Debütalbum „Woman“ in seiner gemütlichen Pop-Mischung aus Soul, Disco und Funk vor allem die Signatur Hannibals, der unter anderem bereits als Teil des Duos Quadron 2009 seine soulige Produktionsaffinität zeigte.

Das demnächst erscheinende zweite Quadron-Album dürfte kaum ohne ständige Referenzen zu Rhye besprochen werden, denn zumindest in Sachen Hype haben Hannibal und Milosh in den vergangenen Wochen ihr gesamtes vorheriges Schaffen in einen haushohen Schatten gestellt. Gerechtfertigt?

Der kanadische IDM-Künstler Michael Milosh hat unter seinem Nachnamen bereits drei Alben auf dem Buckel. Obwohl er seit seinem dritten Lebensjahr Cello spielt und später Gesang und Schlagzeug studierte, hörte man von diesen Einflüssen bislang wenig. Kein Wunder, dass es da irgendwann unter den Nägeln brennt. Zusammen mit Robin Hannibal, mit dessen Band Quadron er vor Jahren schon zusammen arbeitete, holt er jetzt seine Versäumnisse nach. „Woman“ ist ein zeitgemäßes Soul-Album mit elektronischem Touch, welches sich trotz versiertem Arrangieren von Streich- und Blasinstrumenten über Miloshs emotionalen Gesang definiert. In seichtes Fahrwasser geraten Rhye dennoch nicht, auch wenn es sie in gewissen Momenten nah ans kitschige Ufer treibt. (Michael Schels)

Letztes Jahr „Open“ gehört und direkt verzückt ins Radio gelächelt. Welch schmucker und kuscheliger Song! Dieser jedoch steht nicht ohne Grund auf dem Album an erster Position, denn fast der gesamte Rest strahlt eine fahle Unaufdringlichkeit aus, die ihresgleichen sucht: Hier ein bisschen Verpackung aus zartem Schmelz, dort ein bisschen einschläfernde Gleichform. Man muss höllisch aufpassen, sich beim Gähnen keinen Muskelkater zuzuziehen. Zugegeben, Klavier, Streicher und Melodien räkeln sich bestimmt formidabel zum Sonntagsfrühstück auf dem Kunstfell-Vorleger. Glaube ich. Denn am Ende ist „Woman“ bloß mit effektiver Wirkungslosigkeit vorbeigehuscht. (Markus Wiludda)

Lässt man das mittlerweile allerorten wiedergekäute Gerede von uneindeutiger Sexualität, käsigen Sadé- und Softrockreferenzen mal beiseite, bleibt „Woman“ ein erstaunlich reifes Album mit teils brillanten Arrangements, formvollendetem Songwriting und einer tollen Stimme. Menschen, die unaufgeregte Eleganz gerne mal mit Gefällig- oder gar Belanglosigkeit verwechseln, werden sich gähnend abwenden und verpassen einiger Längen zum Trotz das bisher vielleicht feinste Popalbum des noch jungen Jahres. (Bastian Heider)

„Make love to me,“ entblößt Mike Milosh in seidigem Halb-Falsett sein Verlangen. Stets wird er komplementiert von den punktgenauen Arrangements Hannibals, die nicht bloß Staffage oder Songskizze mit auszufüllenden Leerräumen, sondern kunstvoll mit dem Gesang verwoben sind. Zwischen Slow Dance und Bettgewälze beschwört das Duo entspannte Körperfühlung herauf und schafft es, weit über die intime Schönheit seiner Quiet-Storm-Soundglätte hinaus jedem Stück seine eigene Gestalt und Melodie(n) zu verleihen. (Uli Eulenbruch)

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