Sollten Sonic Youth nach der Scheidung von Thurston Moore und Kim Gordon tatsächlich Geschichte sein, wäre das dank des zweiten Albums von Sex Jams nicht mehr ganz so schlimm. Denn die fünf Wiener haben nicht nur genau nachgehört, was Bands wie Dinosaur Jr., Pavement und eben Sonic Youth Ende der 80er, Anfang der 90er mit ihren Gitarren angestellt haben, sondern zitieren sich ohne Respekt und mit der richtigen Dosis jugendlichen Übermuts durch die Noise- und Indierock-Geschichte. Und haben damit einen entscheidenden Vorteil gegenüber ihren Vorbildern.

Denn auch wenn einige der oben genannten Bands noch oder wieder aktiv sind und durchaus ansprechende Alben veröffentlichen, können sie eines nach mehr als 20 Jahren natürlich nicht mehr leisten: so frisch und ungestüm zu klingen wie eine junge Band auf ihrem ersten oder zweiten Album. Davon profitierten zuletzt bereits Yuck, Cloud Nothings oder auch Title Fight, die alle in gewisser Weise von der Gitarrenmusik der 90er beeinflusst sind.

Auch in Österreich haben einige junge Bands wie Killed By 9V Batteries, Mile Me Deaf und eben Sex Jams den Indierock dieser Zeit für sich entdeckt. Dreh- und Angelpunkt der Szene scheint der Gitarrist und Sänger Wolfgang Möstl zu sein, der nicht nur Gründungsmitglied der beiden erstgenannten Bands ist, sondern vor den Aufnahmen zu „Trouble, Honey“ auch Sex Jams als fest Angehöriger beitrat. Ihm dürfte es auch zu verdanken sein, dass das zweite Album facettenreicher, aufgeräumter und weniger aggressiv klingt als der Vorgänger „Post Teenage Shine“ aus dem Jahr 2010.

Ähnlich wie Yuck auf ihrem Debütalbum hat das Wiener Quintett nämlich verstanden, dass man die Noise- und Feedback-Attacken am besten mit zurückgenommenen und wohlklingenden Passagen konterkariert und den Fuß bei dem einen oder anderen Stück ruhig mal vom Gas nimmt. So zum Beispiel im gemächlichen „Twists And Turns“, bei dem die Band im Refrain die Gitarren in bester Shoegaze-Manier zu meterhohen Soundtürmen schichtet, oder bei dem Song „Bounding Into Distance“, der sich über sieben Minuten an einem groovigen Stonerrock-Riff entlanghangelt, das auch von Josh Homme stammen könnte.

Mindestens genauso unterhaltsam und abwechslungsreich wie die Arrangements ist der Gesang von Frontfrau Katie Trenk, die passend zum Albumtitel das gesamte Spektrum zwischen kratzbürstigem Riot-Grrrl-Gesang und honigsüßer Lieblichkeit abdeckt – manchmal in einem einzigen Song. Bestes Beispiel hierfür ist die Vorabsingle „Shark Vs. Apple“, ein überdreht-albernes Duett mit Möstl, das statt der abgedroschenen „Boy meets girl“-Story lieber einen Dialog zwischen einem Hai und einem Apfel behandelt. Wenn Trenk dann mit der Punknummer „I Call Myself Rocket“ in eineinhalb übersteuerten Minuten die leider aufgelösten Be Your Own Pet verzichtbar macht und kurz vor dem Ende der Platte auch noch eine wunderschöne Akustikballade aus dem Ärmel schüttelt („Just Kids“), ist man sich sicher, dass Sex Jams die lässigste Frontfrau der Welt haben. Zumindest bis Kim Gordon wieder da ist.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum