Die Begeisterung im Feuilleton wie im Boulevard war schier grenzenlos, als David Bowie im Januar pünktlich an seinem 66. Geburtstag ein neues Album ankündigte. Vor allem Bowies Verbindungen zu Deutschland wurden in den Artikeln immer wieder aufgegriffen, selbst billigste Gazetten machten sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit, befragten alte Nachbarn und veröffentlichten lange Fotostrecken.

So viel Anteilnahme quer durch alle Medien ist einzigartig. Dass der Aufruhr in Deutschland besonders groß war, hing sicherlich auch mit dem an jenem Tag veröffentlichten „Where Are We Now?“ zusammen. Bowie lässt darin Teile seiner Zeit in Berlin Revue passieren und streut dabei immer wieder deutsche Wörter ein. Nicht zuletzt das nostalgische Video machte sehr schnell deutlich: Er ist wieder da. Und das mit einem Song, der gut auf eines seiner letzten drei Alben gepasst hätte. Irgendwie brav, aber doch voller Wehmut und Aufrichtigkeit.

Dass das zurückhaltende „Where Are We Now?“ auf dem Album eine absolute Ausnahme darstellt, überrascht trotz der Vorankündigung eines „Rockalbums“ sehr. Denn anstatt lediglich zehn Jahre in die Vergangenheit zurück zu gehen, um direkt an „Hours“, „Reality“ und „Heathen“ anzuknüpfen, geht Bowie Jahrzehnte weiter, in die Nahtstelle zwischen 70er und 80er Jahre, zur Berlin-Trilogie und vor allem zu „Scary Monsters“. Tony Visconti, damals wie heute als Produzent dabei, verabreicht Bowie das wie für ihn patentierte Rezept aus Glam- und Art-Rock. Das nervöse Zucken beim Titeltrack, gleichzeitig der Opener, paart sich sogleich mit der für Bowie typisch distanzierten Haltung des Beobachters. Wo er damals noch arrogant wirkte, ist er jetzt endgültig ein Elder Statesman, der sein Publikum glänzend amüsiert und sich dafür anscheinend nicht einmal besonders anstrengen muss.

Die Fülle an mitreißenden Momenten ist selbst für eine Visconti/Bowie-Produktion erstaunlich. Die erste Hälfte sticht mit Songs wie dem bretternden „The Stars (Are Out Tonight)“ und dem herzzerbrechenden „Valentine‘s Day“ klar heraus. Natürlich hat man dessen kindliche Melancholie schon oft vernommen – angefangen bei „Starman“ und fortgeführt bis weit in die 80er Jahre hinein – doch auch hier gilt, dass nichts nur ein müder Abklatsch ist. Das Alter blinzelt immer wieder in „The Next Day“ hinein, so dass Bowies Haltung in einem anderen Licht erscheint. In der zweiten Hälfte, die unverändert druckvoll daherkommt, gewinnt der schnörkellose Pop die Oberhand, der ebenfalls mehr als nur einige Fenster zur Vergangenheit öffnet.

Hierbei ist vordergründig ein Album aus der Kategorie „Nummer Sicher“ entstanden. Dennoch muss „The Next Day“ in seiner Entstehung und Konzeption als künstlerischer Spagat gesehen werden. Bowie hätte einfach ein mildes Alterswerk machen können, das beispielsweise ausgehend von „Where Are We Now?“ sein Leben nachzeichnet. Niemand wäre allzu enttäuscht gewesen, böse Worte hätte es wohl kaum gegeben. Das andere Extrem wäre gewesen, volles Risiko zu gehen und im Stil von „1. Outside“ ein Album ungewöhnlicher Experimente zu machen, um damit als Künstler komplett neu wahrgenommen zu werden. Das wahrscheinlich unterschätzteste Album Bowies war damals für seine Verhältnisse eine Revolution, konnte aber die Kritik und Fans niemals überzeugen. Ein solcher Weg nach zehn Jahren Pause war also einfach zu risikoreich. Leicht hat er es sich nicht trotzdem gemacht: Die Idee, sich gerade an der erfolgreichsten Zeit zu orientieren, hätte ebenfalls nach hinten losgehen können. Doch das Upgrade ist – auch dank des massiven Überraschungsmoments – voll und ganz geglückt.

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