DoldrumsLesser Evil

Erster Gedanke: Autoradio. Immer wenn man bei „Lesser Evil“ glaubt, den roten Faden erkannt zu haben, überrascht Airick Woodhead im nächsten Song mit einer völlig anderen Idee. Stimmlich geht es von einer verzweifelten Björk über Kate Bush. Musikalisch vorbei an den Pet Shop Boys und 8-Bit-Punks. Airick Woodhead bricht mit der herkömmlichen Wahrnehmung männlichen Gesangs, bietet Falsett bis zum Stimmbruch („She Is The Wave“), aber auch ruhigen, plätschernden Pop („Sunrise“). Pop, der durch elektronische Details und seine androgyne Stimme gebrochen wird und dennoch konsumierbar bleibt. Aber nicht gefällig.

Das Debüt des 23-jährigen Kanadiers bildet deutlich ab, welche Qualitäten ihn, der als Support bei Grimes und Purity Ring bereits das Publikum für sich einnehmen konnte, auszeichnen: Genie und Wahnsinn, vorbildlich vereint. Schon beim Intro wird deutlich: Hier geht es nicht um den schnellen Konsum, hier muss man sich als Hörer einlassen und vor allem loslassen. Immer wieder öffnen sich Schubladen, in die man einzelne Songs des Albums stecken möchte, nur um sich wenige Minuten später wieder gänzlich zu schließen. Vor allem macht „Lesser Evil“ mit Songs wie „Live Forever“ neugierig auf Doldrums als Live-Act. Teilweise wirkt das Album, als sei die Geschichte des Debüts noch nicht bis zum Ende erzählt, als lasse das Rohe noch genug Raum für sehr viel mehr, für die Bühne.

In Woodheads Heimat erscheint sein Album auf Arbutus Records, Teil des in Montreal beheimateten Arbutus-Kollektivs, das in einem DIY-Loft wohnt. Unter diesen Rahmenbedingungen verwundert es nicht, dass auch „Lesser Evil“ im positiven Sinne nach Kollaboration klingt. Nicht unsortiert, sondern wohl gesetzt begegnen sich zum Beispiel in „Egypt“ Percussions, Loops und die hypnotische Stimme. Airick Woodhead erschafft in seinen Songs Welten, die er teilweise sehr geduldig ausbreitet („Holographic Sandcastles“), teilweise aber auch aufgeregt und bis zur Unmenschlichkeit bearbeitet einem vor die Füße schmeißt („Lost In Everyone“).

Den ersten Ritterschlag erhielt Doldrums von Portishead, die seine Interpretation von „Chase The Tear“ als B-Seite herausbrachten. Schnell folgte dieser Aufmerksamkeit die samplewütige EP „Empire Sound“, auf welcher Einflüsse wie eben Portishead noch deutlich durchklangen. „Lesser Evil“ nun strotzt nur so vom spannenden Ego eines begabten Kopfes, der sich nicht begrenzen lassen will – so ganz anders als der Name seines Projektes, der im Seglerlatein Zonen mit Flauten beschreibt. „Lesser Evil“ ist zeitlich gemessen schnell vorbei, bleibt jedoch als Klangeindruck lange im Ohr. Vor allem das Unfassbare, das Unkategorisierbare hakt sich ein, gerade weil manche Sounds etwas überstrapaziert wirken – als sei es dem jungen Kanadier darum gegangen, möglichst viele Loopeffekte und Klangexperimente in die noch nicht mal 40 Minuten zu quetschen. Das macht das Album zeitweise extrem sperrig und anstrengend, ohne den Wunsch nach Mehr nachhaltig schmälern zu können.

3 Kommentare zu “Doldrums – Lesser Evil”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Sehr schöne Rezi, Katja. Toller Einstieg!

  2. […] noch eines dieser modernen, angenehm eigenen Electropop-Projekte aus Kanada. Anders als bei Doldrums oder Purity Ring muten die Beats des Duos im Schliff eher europäisch-minimal an, ätherische […]

  3. […] Cloudz – Arbutus Records – Künstlerkombinat – Doldrums? Bei den ersten Tönen hört man dem Album aus Montreal an, wo es entstand. Da gibt es die […]

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum