Finally Boys: Jetzt-Internet-Musik


So schnell kann’s gehen mit der Etikettierung: Da ließ Grimes irgendwann im Interview einen losen Gedanken ab, schon war ihr der Stempel „post-internet“ aufgepappt. Dabei klingt ihre oder ähnlich ätherische Gegenwartselektronik doch gerade wie Jetzt-Internet-Musik, ist nicht ganz zufällig in der Ästhetik des „Hackers“-Soundtracks verwurzelt, einer Vertonung des Cyberspace aus trancig-sphärischem Techno, Breakbeats und chillig-behauchtem Trip Hop.

Als übers vorletzte Wochenende an aufeinander folgenden Tagen Rihanna und Azealia Banks mit einer trashigen 90er-CGI-Bildästhetik auftraten, wie sie eben recht typisch für Jetzt-Internet-Musik ist, brach eine Windhose der Entrüstung im Wasserglas des Social Web los. Doch nur wenige konnten sich ernsthaft über diesen Fall von Appropriation durch den Pop-Mainstream aufregen: Wenn eine Ästhetik derart simpel zu copypasten ist, keine Positionen transportiert, ja nicht einmal nachvollziehen lässt, inwiefern sie kulturelles Recycling ironisch oder in ernsthafter Verbundenheit zum Ursprungsmaterial betreibt, so war sie von Grund auf nicht sonderlich bestandsfest.

Ähnlich verhält es sich mit Jetzt-Internet-Musik: Die Soundästhetik von Finally Boys hebt sich nicht substantiell von der manch anderer ProduzentInnen ab, Rave- und Trance-Versatzstücke zu hallenden Vocal-Clips und flächenbildend dichtem Snare-Dauerfeuer hat das kalifornische Duo nicht als erstes in new-agigem Glanz kombiniert. Doch was seine Debüt-EP auszeichnet, ist eine nicht durch bloße Zutatenaneignung reproduzierbare skalierte Wirkung, ein maximalistisches Auftürmen digitaler Kristallemporen aus Surf-Emotionen.

„Feelings“ vermittelt das Gefühl der entkörperten Euphorie, die man beim mehr instinktiven denn gedankengesteuerten Reisen durch hyperverlinkte Hypertexte, .gif-Galerien, Audio-Video-Ströme und soziale In-Out-Vektoren empfinden kann, mit grenzspiritueller Intensität. Vor allem aber liegt Stücken wie „Ascending Temple“ eine überaus unchaotische Struktur zugrunde. Sie sind bei allen Perkussionshibbeleien in stetigem 4/4-Beatpuls geerdet, so dass sich Melodien auch mal im mittigen Höhepunkt von „Contact“ nicht in einem Einzelteil, sondern erst aus dem Zusammenspiel mehrerer Vocal- und Synth-Elemente ergeben können. Die Verlinkung macht’s.

„Feelings“ ist bei AMDISCS zum Download erhältlich – was auch sonst.

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