Rechtsrock als Pop

Rechtsrock als Pop

Gerade wollte ich den wöchentlichen „Liedschatten“ schreiben und hatte vor, einige Worte zum beängstigenden Erfolg der Rechtsrocker Frei.Wild voranzustellen. Am Ende wurde daraus ein Artikel.

Frei nach dem guten Teddy (Adorno) schien mir die Welt letzte Woche selbstverständlich nicht in Ordnung, keinesfalls. Deshalb (und um Heintje auszuweichen) schrieb ich einen kleinen Text über Schlager und freute mich auf den nächsten Hit, einen Song der Beatles.

Das tue ich noch immer, werde darin aber äußerst unschön gestört. Das gefällt nicht, da trinke ich zu viel und sehr schnell Kaffee, da wird wird mir so flatterig im Bauch und ich sitze aufgekratzt am Rechner. Aufgekratzt! Sitzen! Denkt nur einmal, wie schlimm das in der Schule sein konnte … die Schule hatte immerhin ein klares Ende, ein Klingeln und dann raus.

Das würde ich mir auch für das unsägliche Ärgernis der völkischen und nationalistischen Band Frei.Wild wünschen. Wer das ist, lest ihr am besten auf publikative.org nach, dort finden sich auch zahlreiche Zitate aus ihren Liedern, die deutlich machen, warum es mir arges Unbehagen bereitet, wenn diese Band auf Platz 2 der Albumcharts einsteigt. Selbstverständlich werde ich deren Widerlichkeiten an dieser Stelle nicht verlinken, nicht aus Angst, ihnen eine Plattform zu bieten, sondern Ekel. Wer mag, kann gerne ein wenig recherchieren und sich anhören, wie es klingt, wenn in dem einen Lied “Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik / an diesem heiligen Land, das unsre Heimat ist“ gesungen wird, es anderer Stelle dann heißt: „Wir haben’s getan / wir haben’s gemacht / wir haben Leute verdroschen (…) standen oft vom Richter / keine Reue, haben darüber gelacht“. Möchtet ihr solchen Menschen begegnen?

Ich nicht, denn wenn dies bisher der Fall war, konnte es geschehen, dass ich verprügelt wurde. Das wird bei den zahlreichen Konzerten der aktuell populärsten Rechtsrock-Band sicher nicht durch die Band passieren. Menschen, die ihrem Feindbild entsprechen (siehe „Ich scheiß auf Gutmenschen, Moralapostel / selbsternannt, political correct“), also „Sprache, Brauchtum und Glaube“, die „Werte der Heimat“ in Gefahr bringen, könnten im November dennoch in Schwierigkeiten geraten, falls sie sich in Nähe der Locations „O2 World“ Hamburg (max. ca. 16.000 Plätze) oder des Velodroms (Berlin, max. ca. 11.000 Plätze) befinden sollten. Denn dort wird die Band spielen und die eine oder andere Gruppe aus der Masse ihrer „unpolitischen“ Fans wird sicherlich das eine oder andere Bier getrunken haben.

Nein, deshalb sollte man nicht kuschen. Wenn eine Gruppe wie diese zum zweiten Mal auf Platz 2 der Albumcharts einsteigt, in den größten Hallen spielt und bei Facebook um die 188.000 Likes hat, dann darf das nicht hingenommen werden, weil es viel über die gegenwärtige Gesellschaft aussagt. Vor allem, dass stumpfster Nationalismus und völkischer „Blut und Boden“-Wahn große Teile der Bevölkerung ansprechen, wenn’s nur das richtige Vehikel gibt. Jemand muss sich nicht dazu bekennen, Nationalist und Rassist zu sein, bevor man ihn als solche bezeichnen darf, es reicht, wenn er dementsprechend denkt, redet und schlimmstenfalls handelt.

Das aber muss verhindert werden, und sei es nur, indem man Menschen, die Gefallen an der Band finden, darauf hinweist, mit wem sie sich einlassen. Dazu muss man sich nicht als explizit links verstehen, das ist auch die Aufgabe von Demokraten, Christen und überhaupt allen Menschen, denen die Würde des Menschen und ihre Bewahrung am Herzen liegt. Das möge dann bitte ein jeder nach seiner Façon tun. Labels, Veranstalter und Bands haben da gewiss andere Möglichkeiten als Blogger und Hörer. Ihnen allen sollte jedoch klar sein, dass Musik nicht per se ein unschuldiges Vergnügen ist und sich dementsprechend aufmerksam verhalten.

7 Kommentare zu “Rechtsrock als Pop”

  1. ledivo sagt:

    Hallo Lennart!
    Danke für Deinen Artikel, bin da ganz bei Dir.
    Allerdings weiss ich nicht, auf welche deutschen Album-Charts Du Dich da beziehst… denn in der offiziellen Platzierungsliste sehe ich weit und breit kein ‚Frei.Wild‘ notiert?!?!
    LG. ledivo*
    http://www.mix1.de/charts/longplaycharts.htm

  2. ledivo sagt:

    … sorry, Du hast ‚leider‘ recht… die sind aber gottlob schon wieder auf Platz 9 abgerutscht und eine Werbe-Pop-Up-Fenster verbarg temporär deren Platzierung… :/

  3. Lennart sagt:

    Hallo ledivo,

    besten Dank! Du hast Recht, ich hinke da eine Woche hinterher. Platz 9 ist aber immer noch schlimm genug, und wenn’s das nicht wäre, dann die teils ausverkaufte Tournee oder die bloße Existenz der Band.

  4. ledivo sagt:

    … absolut, da bin ich ganz Deiner Meinung!

  5. KAll sagt:

    Lieber Ledivo,

    Ihre Heimat ist aber nicht „Doitschland“ sondern „Südtirol“, wo bis heute die italienischen Nationalisten aufmarschieren vor den Denkmälern Mussolinis (sowas steht da noch rum!) und der Autonomiestatus der Südtiroler ein einziger Witz ist. Die Südtiroler waren dort einer extrem aggressiven Politik des faschistischen italienischen Staates ausgesetzt. Insofern unterscheiden sich die linken, bürgerlichen und rechten Positionen in dieser Frage im Lande nicht so sehr.

    Es ist aus meiner Betrachtung gefährlich, wenn ihr als „Spiesser“ mit diesen harten ideologischen Urteilen gegen eine einfache Rockkapelle stänkert, die eine fetzige Musik hat und mehr einen potenziell-rechten Deutungsraum aufmacht. Das ist dann ungefähr auf dem Niveau von Pfaffen, die gegen Heavy Metal wettern. Es mag ja alles richtig und schlau sein, aber es verkennt doch die Situation. Ob Frei.wild oder Sido oder Bushido, die aggressive Haltung. Man sollte eher sagen: Was für eine blöde Opfermucke und Asischrott.

  6. Lennart sagt:

    „Insofern unterscheiden sich die linken, bürgerlichen und rechten Positionen in dieser Frage im Lande nicht so sehr.“, inwiefern? Weil’s alles Nationalisten sind?

    Wenn dem so ist, würde es zumindest die linken diskreditieren und es zweifelhaft machen, wenn sie sich als solche bezeichen.

    Und überhaupt geht es mir ja nicht darum, ob sie nun „Doitschland“ oder Südtirol als ihre Heimat bezeichnen, sondern ihren Heimatbegriff. Und darum, dass diese Band eben keine „einfache Rockkapelle“ ist, sondern eine völkisch-nationalistische Rechtsrockband. Man muss kein Nazi sein (um die es hier auch nie ging), es reicht, wenn man ein völkischer Nationalist ist. Und das ist hier der Fall. Ihre Texte sind eindeutig rechts.

    Und weil du sagtest, wir würden stänkern: nein, wir weisen auf das hin, was gegeben ist. Stänkern wäre so etwas wie: „Was für eine blöde Opfermucke und Asischrott.“ Das würde nicht mehr besagen als „Ich find’s scheiße.“, und so einfach ist es ja nicht. Ich finde es nicht einfach geschmäcklerisch scheiße.

    Ich möchte nicht stänkern, sondern darauf hinweisen, dass die von der Band gesungenen Texte eben nicht so normal sind, wie Du sie darstellst, KAll. Und danke, als Spießer werde ich sonst nicht bezeichnet.

  7. […] zurück zur Sache: nach einer eher unerfreulichen, jedoch notwendigen Unterbrechung in der letzten Woche geht es nun weiter mit unserer Reihe über sämtliche #1 der Singlecharts der BRD. Heute mit den […]

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