Erst war die Stimme verschwunden, dann der Proberaum überflutet. Aus Ersterem ergab sich 2008 „Keep Your Eyes Ahead“, auf Letzteres folgte „Negotiations“, das nunmehr fünfte Album und der Nachfolger von „Keep Your Eyes Ahead“, das ganz vehement und elegant sphärisch wie stürmisch an die Tür zum Erfolg klopfte. Erfolg genug, um Brandon Summers, Gitarrist und Sänger, und Benjamin Weikel, Schlagzeug und Keyboards, als Vorband von Keane auftreten zu lassen. Na wenn das nichts ist!

Zumindest bescherte es der Band ausreichend Meriten, um einen neuen Proberaum im Lagerraum einer alten Cafeteria zu gestalten und sich bei den Aufnahmen der neuen Stücke Zeit zu lassen, ausgiebig zu jammen und die Texte ad hoc einzusingen, was sie – und das mag für die Einordnung der Musik bezeichnend sein – vage mit Schatten und Winter füllt, unbestimmt, aber stimmig im Eis aus nebliger Melancholie badend. Wobei hier keineswegs von Downern, von Stimmungsrunterreißern geredet werden kann, sondern von Nähe: „Hey now, draw yourself more near me/ rest your weary mind“, lautet etwa der Einstieg in den Opener „One More Time“, dessen zurückhaltendes Holpern von Gitarrenhall und Summers‘ gefühligen Silbendehnungen circa in der Mitte des Songs eingefangen wird, so dass er über sich hinaus wachsen kann. An genau dieser Stelle liegt auch der Höhepunkt im Dream-Rock von „Hall Of Mirrors“, Hall der Repetition, Repetition des Halls und ein Hauch von Feedback. A propos: Die „Ohohoh“s gehen Summers leicht über die Lippen, in den treibenden „October“ und „The Measure“ zum Beispiel, die den langen Atem haben, ihre Klimax gen Ende zu finden. Es gibt auch versponnene Balladen, zugekleistert mit träumerischem Hall wie „December“, hymnisch aufgebrezelt wie der namensgebende Track (am Ende eines Album darf man sich das auch mal erlauben, oder?), oder auch auf der Seilbahn zur Stille tief durchatmend wie „Harvester Of Souls“. In anderen Momenten paaren sich melancholische Pianomotive und verzweifeltes Schreien („Downward Spiral“) und der Synthie-Pop agiert schlurfig und reduziert, aber auch ausgedehnt und großflächig („Open Letter“).

Sofern überhaupt Aktion mit der Musik assoziiert wird. Viel passender ist da eine introspektive Wehmut, die glänzend durch Stimme wie Sound hindurch schimmert, von Summers‘ Sehnen bis zu Weikels superb akzentuiertem Schlagzeugspiel. Schlurfig nannten wir das, Dream-Pop könnte es sein und durch die Glätte des Klangs wird nur mit angezogener Handbremse gefahren. Wo „Keep Your Eyes Ahead“ noch die bodenlose Tiefe der langsamen, die meditative Ekstase der gemäßigten („Lately“) und die pointierte Wucht der flotteren Stücke („Keep Your Eyes Ahead“, „Captive Mind“) hatte, hält sich „Negotiations“ zurück, mit fein poliertem Sound zwar, aber mit weniger Hingabe und Leidenschaft. Ist die Band etwa erwachsen geworden? Haben Keane ihren schlechten Einfluss auf Attitüde und Emphase gehabt? Trauen sich The Helio Sequence einfach zu wenig?

Nicht ganz schlau werden wir aus „Negotiations“. Ich möchte es immerzu lauter drehen, um die Songs länger im Gedächtnis zu behalten, aber das gelingt nur zu Teilen. Ein schöner Vergleich mit ihren ehemaligen Sub-Pop-Kollegen von den Shins bietet sich, wenn auch in kleinerem Rahmen, an: Wie die 2007er Shins-Platte „Wincing The Night Away“ stilistisch wie qualitativ im Schatten ihres vier Jahre früher erschienenen Vorgängers „Chutes Too Narrow“ steht, so ist auch „Negotiations“ der geglättete, gemäßigte wie gesittete Nachhall (mit viel Hall) zu „Keep Your Eyes Ahead“. Immerhin lässt sich Letzteres uneingeschränkt empfehlen. Das kann schon dazu führen, mit „Negotiations“ allzu stark ins Gericht zu gehen. Derweil ist es beileibe nicht schlecht und störend schon gar nicht.

68

Label: Sub Pop

Referenzen: Death Cab For Cutie, Spiritualized, The Shins, Papercuts, Glasvegas

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VÖ: 14.09.2012

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