Gary WarJared's Lot

Was hat Greg Dalton nur seiner Gitarre angetan? Die Saiten weichgeschmolzen? Sie mit Gummiband ersetzt? In jedem Fall ist es keinem Unfall geschuldet, dass das Sci-Fi-Zwitschern von „Advancement In Disgust“ so formlos elastisch klingt. Vielmehr fabriziert Dalton unter dem Alias Gary War seit Jahren absichtlich Musik, die wie das Ergebnis absurder Produktionsfehler klingt.

Unterlagen Gary Wars Alben bislang einer Lo-Fi-Dämpfung, die ihn nie so ganz aus Vergleichen mit seinen Weirdo-Pop-Nachbarn Ariel Pink, James Ferraro oder Rangers heraustreten ließ, formuliert sein drittes Album „Jared’s Lot“ eine bestechende Klarheit – und die stereoskope Seltsamkeit seiner Klangvisionen. Synthetische Seifenblasen schwirren chaotisch umher und zerplatzen in feuchten Perkussionspfützen, Oszillationen wabern von der Mitte des Raumes nach außen, Fontänen sprühen metallenen Glitternebel in die Luft, durch die Daltons Stimme von einer Seite zur anderen gurgelt.

Gary War ist ein Erkunder in seinen eigenen Gedankenwelten, als Kosmonaut, Höhlenforscher und Tiefseetaucher durchstreift er seine psychedelischen Klangterrains, ohne in losen Jams den Halt zu verlieren: Gerade dann, wenn man sich schon in der Schrägheit der Topographie verloren wähnt, setzt unerwartet eine ungewöhnliche, doch zielgerichtete Melodie über stoischer Maschinentrommel ein. Mehr noch, War nutzt seine Soundpalette zu songwriterischem Effekt, verdunkelt den vocoderbesungenen Sci-Fi-Synthritt von „Thousand Yard Stare“ mit Flange-Brodeln, um sich auf der anderen Seite des Tunnels wieder in heller Weite aufzuspannen. Der Spacerock von „Superlifer“ ist um sein feuriges Sequencerriff geradezu klassisch strukturiert, unter gemütlichem Ducktails-Schlenkern kurvt „World After“ der Westküstensonne entgegen.

So verstrahlt er auch sein mag, wirkt die Befremdlichkeit von Gary Wars postnuklearem Pop nicht erzwungen, sie ist integraler Teil seiner Funktion und Wirkung. In einem Experimentalistenclub, in dem schärfer umrissener Sound meistens mit stärkerer Konventionalität einhergeht, hat sich Gary War mit „Jared’s Lot“ auf mitreißende Weise noch weiter ins Abseits gerückt.

80

Label: Spectrum Spools

Referenzen: Chrome, Rangers, Human Teenager, Roman Soldiers, John Maus, James Ferraro

Links: Homepage | Label | SoundCloud

VÖ: 24.07.2012

2 Kommentare zu “Gary War – Jared’s Lot”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Macht richtig Spaß, die Platte, die tatsächlich „wie das Ergebnis absurder Produktionsfehler klingt.“

    Uli, weißt Du ob das Ding auch als Vinyl-LP erscheint?

  2. Bei Spectrum Spools/Mego-Sachen ist eher die Frage, ob’s auch auf CD erscheint. Über den Link oben gibt’s die direkt beim Label, ist aber auch schon bei diversen Plattenläden/Mailordern auf Lager.

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