Die Stimme ist, so oft der Gedanke, der direkte Draht zum Inneren des Menschen. Im Lied soll sie mit individueller Klangfärbung der Stimmbänder, Aussprache und Gesangstechnik die Persönlichkeit und Emotionen der Performenden transportieren.

Steve Marions Stimme ist zwar auf seinem zweiten Album gelegentlich zu hören, doch singen lässt er jemand anderes: seine Gitarre. Das mag nun so pathetisch klingen wie der Eingangssatz dieses Textes, trifft aber auf „Positive Force“ zu. Mühelos kann man sich vorstellen, wie diese quicklebendigen Klangläufe – anstatt der Endstation einer Effektgerätpolonaise – auch Menschenmündern entspringen könnten. Oft sind dabei, wie im eröffnenden „Ramona Reborn“, gleich mehrere Saitengesänge zu hören, wie bereits auf Delicate Steves Debüt so bunt verfremdet, dass sie mitunter schwer von ebenso farbenfrohen Synth-Sounds zu unterscheiden sind.

Auf seinem zweiten Album Marke Heimbau stellt der Multiinstrumentalist erneut seine eigene Begleitband, deren Rhythmussektion sich diesmal versibler und bestimmter zeigt, neben Afro-Pop auch mal in „Tallest Heights“ eine etwas gimmickig wirkende Reggae-Flexion bekommt. Dennoch fühlt sich „Positive Force“ wie das Werk einer größeren, kommunalen Menschenmasse an, zieht vielleicht auch deshalb nicht nur im Titel des angefunkt beklatschten „Afria Talks To You“ den Hut vor Sly & The Family Stone. Positivismus verströmen die tatsächlich menschlichen, aber wortlosen Chöre in „Redeemer“, doch wieder erscheinen Marions wenig an akrobatischen Slides und Turbotappereien interessierten Einzeltonanschläge als tief emotionale Stimme, deren Verbalisierungen einem beim Hören geradezu auf der Zunge liegen.

Zwar fließt „Positive Force“ insgesamt nicht immer souverän über derart breit ausgelebte Hochgefühle und demgegenüber kurzlebigere Zwischenstücke wie „Touch“ und „Love“, für sich genommen ist die Variation der einzelnen Stücke jedoch gelungen. Doch nein, nicht Stücke: Songs. Lieder. Nicht nur, wenn Marion in „Two Lovers“ ausnahmsweise eben diese beiden Worte sanft hauchend oral intoniert, von Grillengesang umrahmt; sondern auch im Titelsong des Albums, der über sanft dahinpochendem Beat fast schon als Balearic-Disco-Nummer durchgehen könnte. Wäre da nicht Delicate Steves etwas zu unrelaxtes Gitarrenspiel, das sich hier mal elektrisch unverzerrt so flotte Kapriolen leistet, dass man sich beim Mitsingen wohl die Zunge verknoten würde.

69

Label: Luaka Bop

Referenzen: Dirty Projectors, Fang Island, Eric Clapton, tUnE-YaRdS, Santana, Marnie Stern

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VÖ: 13.07.2012

Ein Kommentar zu “Delicate Steve – Positive Force”

  1. […] Os Mutantes, die phantastischen The Terror Pigeon Dance Revolt oder den jüngst hier verhandelten Delicate Steve. Seit 2005 erscheint passend dazu ein eigener Podcast mit von Byrne zusammengestellten […]

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