Der Liedschatten (73): Eine Lucy namens Judy?

John Fred & His Playboy Band: “Judy in Disguise (With Glasses)“, Februar – März 1968

Es ist unmöglich, einzig und allein von den Nummer-Eins-Hits eines bestimmten Gebietes – in diesem Falle der BRD – ausgehend Überlegungen über die Entwicklung der Popmusik an sich anzustellen, was uns aber nicht davon abhalten sollte, es in unserer Reihe hier dennoch zu versuchen.

Dies kann aufgrund der in Relation geringen Anzahl der betrachteten Lieder nur recht oberflächlich geschehen, was aber nicht nur von Nachteil sein muss. Immerhin ist der Popsong eine Liedform, die durch wenig subtile Reize wirkt und diese auch gar nicht verstecken sollte, gilt es doch, möglichst viele Menschen, zu ihren Hochzeiten gar Millionen, zum Kauf eines Produktes zu bewegen. Sicher kam es vor, dass komplexere Stücke, zum Beispiel die der Beatles, zu Hits werden konnten, die Regel war es jedoch nicht.

Als Werkform besitzt der Popsong wiederkehrende formale Komponenten. Wie diese an sich gestaltet sind, ist variabel und von der Intention seiner Hersteller, also der Songwriter, Musiker, Textdichter, Interpreten, der des künstlerischen und auch wirtschaftlichen Produzenten, in etwa der Plattenfirma, abhängig. Nach gut 60 Jahren haben sich dabei recht fixe Muster und Zielgruppen herausgebildet. Der wirtschaftlich relevante Bereich der Musik lebt mittlerweile mehr von der Produktvariation als Neuerungen und somit von der Reklame. Denn nur diese vermag permanent und unterhaltend zu lügen, und ohne Lüge lässt sich das Ewiggleiche nicht als das Immerneue bezeichnen.

In den 1960er Jahren gab es hingegen recht viele ästhetische Veränderungen – jedoch nicht, weil die Menschen damals zwangsläufig offener oder der Kapitalismus mitsamt Kulturindustrie besonders kunstbegeistert gewesen wären. Sie waren einfach noch, zum Beispiel in der Studiotechnik, möglich und kommerziell relevant. Es gab sehr wohl klare Muster für potentielle Hits bei bestimmten Zielgruppen, nur wurden diese noch recht schnell von gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen überholt und obsolet gemacht, woraufhin wieder reagiert werden musste.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Produzentenpop von Bands wie den (zumindest frühen) Monkees, die nicht mehr als eine Adaption der Beatles sein sollten, sich aber zu einer veritablen Popgruppe entwickeln konnten. Die Monkees waren selbstverständlich nicht die einzige Band, bei der auf Erfolg kalkuliert wurde. Auch Projekte wie Ohio Express („Yummy Yummy Yummy“), The Archies („Sugar Sugar“), 1910 Fruitgum Company („Simon Says“) und The Partridge Family dienten der erfolgsorientierten Produktion von Singles für ein kindliches bis jugendliches Publikum, wobei die Rechnung aufging und uns so ein paar recht wunderliche, aber durchaus beachtliche One-Hit-Wonders beschert wurden.

Unser heutiger Hit, „Judy in Disguise (With Glasses)“ von John Fred & His Playboy Band aus Louisiana, ähnelt ihnen zwar, wurde aber von Fred und einem Bandmitglied selbst geschrieben.

Der Bote des lebenden Büstenhalters: John Fred und seine Playboy Band.

fred_judyMan hört es ihm nicht an, aber bei diesem Stück verspielten blue-eyed Souls soll es sich nach verschiedenen Quellen um eine Parodie auf das Stück „Lucy In The Sky With Diamonds“ der Beatles handeln. Mag dies auch, von den kurzen Breaks und verwendeten Instrumenten, in etwa der Sitar, abgesehen musikalisch wenig plausibel erscheinen, der Titel ist eine alberne Verballhornung und der Text steht ihm in nichts nach.

„Judy in disguise, well that’s what you are

a lemonade pie with a brand new car

cantaloupe eyes come to me tonight

Judy in disguise with glasses

keep a-wearing your bracelets and your new rara

across your heart with your living bra

a chimney sweep sparrow with guise

Judy in disguise with glasses

(…)

Judy in disguise, well what you’re aiming for

a circus of horror, well that’s what you are

you made me a life of ashes

I guess I’ll just take your glasses“

Hier wird deutlich, welche Freiheiten hinsichtlich der Liedtexte in den 1960ern aufkamen. Surreale, nichtlineare Texte voller unschlüssiger Bilder konnten zum einen seriös und künstlerisch rezipiert werden, siehe die Beatles, zum anderen (und wie es hier der Fall ist) aber auch albern. Daran, dass sie verwendet werden konnten und auch zur Popmusik gehörten, bestand kein Zweifel, sie waren nicht nur ein Stilmittel mit vorgesehener Wirkung. Ein Popsong konnte seltsame Texte haben und dennoch mehr als nur ein Novelty Song sein, zumindest theoretisch.

Hinsichtlich des einzigen großen Hits von John Fred & His Playboy Band blieb es bei der reinen Möglichkeit. Dem alles dominierenden Eindruck des drolligen Liedchens lässt sich nämlich ohne kommerziell fundierte künstlerische Autorität wenig entgegensetzen, auch nicht mit einem hervorragenden Bläserarrangement und dissonanten Streichern, deren Wirkung zwar spürbar ist, das aber in der wirtschaftlich relevanten, oberflächlichen Betrachtung keine große Rolle spielt. Und so erinnerte sich die Nachwelt dann des bis zu seinem Tod 2005, aber ohne großen Erfolg musizierenden Freds als Sänger eines reichlich albernen Liedes aus der Riege banaler Stücke wie eben „Yummy Yummy Yummy“, womit man diesem One Hit Wonder, und das ist besonders für solches, Unrecht tut. Zumindest sein Album „Agnes English“ von 1967 dürfte die Plattensammlung der Freunde unverfänglichen Sixties-Pops nicht unbedingt übermässig bereichern, aber auf originelle Weise anwachsen lassen. Es wird also wieder einmal Zeit für den Besuch eines Flohmarktes.

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