„Red Night“ endet damit, womit jede Nacht enden sollte: Dem Licht des Morgens. Alles davor: Dunkel. The Hundred In The Hands hatten schon immer ihren Blick aufs Schattenleben der Großstadt gerichtet, doch die Pop-Verklärung und gelegentlichen Lichtblicke ihres Debüts sind auf dem zweiten Album des New Yorker Duos einer bedrückenden Intensität gewichen.

Geisterchöre durchraunen die Luft, irgendwo leiert ein Plattenspieler. Eine Gitarre klimpert silbrig, wird überbrodelt von einer dicken Bassmelodie, dann bricht ein kratzender Orkan aus Trommeln und Hörnern aus. Das Eröffnungsstück „Empty Stations“ bereitet keinen leichten Einstieg, zeugt von einer klanglichen Ambition, deren Ausmaß die Stücke nicht sofort erschließbar macht. Der hohe, selbst unter diesen Bedingungen klar verständliche Gesang Eleanore Everdells mag meist einen erkennbaren menschlichen Anker bieten, doch um sie herum verbiegt sich eine instabile Realität. Voluminöse Drones füllen die großzügig dimensionierten Songs auf „Red Night“, weit schallende Echos klingen plötzlich nur noch klaustrophobisch kurz nach, Sounds brechen abrupt ab, Klangverhältnisse ändern sich mit einer verstörenden Irregularität anstatt einem Takt folgend.

Intensiver als zuvor spiegeln die Songs so das Gefühl urbaner Entfremdung ihrer Texte wider, die das artikulieren, was bei rein instrumentaler Musik interpretierbar bleibt. Wiederkehrende Motive durchziehen das Album, zeichnen Bilder von einer abgedunkelten Welt unter verhangenen Gestirnen („under solid black skies“ („Keep It Low“), „black out the sun“ („Faded“)), bewohnt von marodierenden „kid cults“ („Come With Me“/„Tunnels“), vom Liebesleben als Schemen („you fade away“ („Faded“), „your voice like white noise“ („Empty Stations“)) im emotionalen Moloch der Metropole. Letztere ist nicht wie früher eindeutig New York, sondern ein unbestimmtes Konstrukt aus Tunneln, leeren Gassen und U-Bahnsteigen, wie es an vielen Ecken der Welt existiert. Ein menschlicher Ballungsraum, der unendlich groß erscheint und sich doch umso bedrückender anfühlt, wenn man ihn alleine durchstreift.

Unter diesen Verhältnissen zeugen die von Everdell und Jason Friedman verfassten Texte von der Zerrissenheit des Paares, die sich während der Entstehung von „Red Night“ offenbarte. Doch trotz aller Unschönheiten (innerer und äußerer) zeigt sich ihr Songwriting glücklicherweise ungeschwächt, sogar vielfältiger. „Keep It Low“ und das Titelstück bieten ein düster-eingängiges Zentrum, während ein Synth- und ein Stimmenmeer „Recognize“ und „Stay The Night“ zum soft gewellten Kontrast der wuchtig bollernden „Come With Me“ und „Tunnels“ machen. Noch ein Stimmenmeer verkündet schließlich ein Happy End, Hand in Hand: „Come on, boy / come outside / I want to show you the morning / let in the light.“ Das Ende der Nacht.

78

Label: Warp

Referenzen: Andy Stott, Liars, Zola Jesus, Demdike Stare, Massive Attack, Dälek, The Rapture

Links: Homepage | Facebook

VÖ: 08.06.2012

3 Kommentare zu “The Hundred In The Hands – Red Night”

  1. Hen sagt:

    „Intensiver als zuvor spiegeln die Songs so das Gefühl urbaner Entfremdung ihrer Texte wieder“

    *wider

  2. Und das, liebe Kinder, kann passieren, wenn man ‚wiedergeben‘ durch ‚widerspiegeln‘ ersetzt. Danke für die Korrektur.

  3. Bastian sagt:

    Das Album bleibt trotzdem eins der besten in diesem ersten Halbjahr.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum