Stephen Malkmus in Köln: Stage Invasion mal anders


Mit solchen Szenen hat niemand gerechnet. Grenzhysterische Schreie, noch bevor das Konzert begonnen hat, aus den Lungen einer Gestalt, die kurz darauf wild vor der Bühne herumwirbelt, raufklettert und zurück in die Menge springt.

Ja, Stephen Malkmus‘ größter Fan ist gekommen: Seine junge Tochter. „Daddy, daddy!“ ruft sie immer wieder von der Seite, während ihr Vater seine E-Gitarre stimmt, erst verstummend, als er ihr mit hochgezogenem Mundwinkel den emporhochgereckten Daumen entgegenstreckt und ein wahrlich ungewöhnliches Konzert beginnt.

Hinter ihm mag auf der fußhohen Mini-Bühne sein Gitarrenkoffer mit den altvertrauten Insignien „Pavement | SM-2“ emporragen, doch weder seine ganz alte Band noch seine auch nicht mehr so neuen Jicks unterstützen ihn heute. Ganz alleine singt Malkmus „Heaven Is A Truck“, während nicht allzu weit hinter ihm ein klobiges Flugzeug vorbeigleitet. Gleichzeitig macht der kräftige Wind es noch spannend, schiebt zeitweise düstere Wolken vor die glühende Sonne, doch wie erhofft können etwa 200 Leute seinen Solo-Auftritt unter freiem Himmel genießen, auf der Dachterrasse des Kölner Museum Ludwigs, inklusive Domblick.

Malkmus – samt Familie – wohnt momentan in Berlin. Naiv mag das Außenstehenden als ein weiteres Goldblatt in einem Paradies erscheinen, einer Stadt voller namhafter Musikschaffender, die nur darauf warten, mal eben wie hier in gemütlichem Rahmen aufzutreten. Die Realität sieht allerdings anders aus, denn so ungezwungen die Atmosphäre an diesem Nachmittag auch ist, war zweifellos einiges an veranstalterischer Vorbereitungsarbeit dafür nötig, und so ist dieser erste vermutlich auch Malkmus‘ einziger Solo-Auftritt. Der wirkt wie der Mann selbst – im schwarzen Jackett und halb ebenso dunklen, halb hellgrauen ohrlangen Haaren – charmant impromptu. „This is my setlist. It’s the new paper!“ erklärt Malkmus die Pause, in der er in seinem digitalen Assistenten das geplante Programm aus Pavement und post-Pavement zu navigieren versucht. Das Ansetzen zu einem dieser Songs wird erneut von Seitenrufen seiner Tochter unterbrochen, die dann einfach mal gen Bühne stürmt, um sich ihr irgendwo bei Papas Gerümpel stehendes Spielzeug zu holen.

Doch trotz präsenten Familienlebens, in seinen Songs erwacht dann wieder der jüngere Slacker Malkmus zum Leben. Ab und zu vergisst er den Beginn der zweiten Strophe, singt in einem anderen Tempo als er spielt und muss sich dann zum Refrain hin sputen, doch das erinnert ebenso wie ein mal vertauschtes Wort mehr an die alten Tage der Imperfektionisten, als es eine fehlerfreie Darbietung getan hätte. Nur in „Trigger Cut“ zeigt sich dann der Lauf der Zeit, wenn alte „Sha-la-la“-Stimmhöhen nicht mehr auf Dauer zu halten sind und in einem verlegenen Hüsteln enden. Ob er in den labyrinthinen Gedankensprüngen seines späteren Materials umherrifft oder einem der später vom Publikum gewünschten Pavement-Songs (unter anderem auf Drängen seiner Tochter ein feuriges „Unfair“), immer wieder wippt er dabei auf die Spitzen und Seitenleisten seiner Sneaker, von denen einer mit stolpergefährdend langen Senkeln nicht gerade vorbildhaft gebunden ist.

Inmitten seines Spiels überrumpelt Malkmus sich denn auch beinahe, fast entgleitet ihm ein unabsichtliches „fuck“ – im Gegensatz zum absichtlichen, als er schelmisch zur Seite schielt und als Superchunk-Shoutout ein verhohlenes „Slack Motherfucker“ nuschelt. So viel Rockstar-Begeisterung steckt an. Am Ende stürmt seine andere Tochter die Bühne und gibt, ins auf halbe Höhe herabgesetzte Mikro, selbst einen Song zum Besten. Mal eine Stage Invasion der etwas anderen Art.

2 Kommentare zu “Stephen Malkmus in Köln: Stage Invasion mal anders”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Mann,klingt ganz so,als hätte ich mich mit dem August-Termin für den falschen von beiden entschieden.

  2. Naja, gerade mit den Jicks gibt’s noch so einige tolle Songs, die er solo nicht stemmen konnte. Werd mir das August-Konzert auf jeden Fall auch ansehen.

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