ExitmusicPassage

Das erste Hören kann so entscheidend sein. Wäre diese Begegnung mit dem neuen Album des New Yorker Duos nicht ausgerechnet das titelgebende „Passage“ gewesen, Exitmusic wären als weitere in leidender Schönheit sterbende Dreampop-Musiker durchgewunken worden. Doch fängt man erst mal an, sich auf diese knapp sechs Minuten Musik einzulassen, ist er da, dieser süchtig machende Sog, der einen unwillkürlich weiter auf die andere Seite ziehen will und mit starken, langfingerigen Gliedern um sich greift.

„Passage“ also. Überfahrt. Aleksa Palladino und Devon Church hätten kaum einen treffsicheren Titel für ihr zweites Album finden können, fühlt es sich doch stetig so an, als wären die beiden mit Charon im Bunde, um den Hörer sicher, aber schon für ein gewisses Entgelt an die Hand zu nehmen. Mit flackernder Laterne tauchen sie tief in die schwarzen Fluten und lassen die verschwommenen Töne des Openers von den glänzenden Wänden zurückprallen, so dass sich die herbsüße Stimme Palladinos um ein Vielfaches verstärkt und mit Allgewalt durch die Nacht zittert. Melodien, die vor Eingängigkeit beinahe zerspringen, bekommen mattglänzende Anzüge, schichten sich wie im funkelnden Walzer „The Night“ turmhoch und werden zu flackernden Irrlichtern. Mit fordernder Eleganz fügen sich Elemente, die sich auch vor ambienteren Portisheadstücken nicht verstecken müssen in das Klangbild ein. Palladino singt wie eine Schwester von Zola Jesus und das Schlagzeug folgt einer Spur aus meditativen Industrialbeats, die knurrigen, feedbackgeschwängerten Gitarren flirren wie Nachtvögel durch den Raum.

Mit „Storms“ erreichen Exitmusic einen ersten Ruhepol und die Gespenster der ersten Hälfte haben sich verzogen. In ruhigerem Fahrwasser spiegeln sich die Klänge beinahe lieblich und das folgende „The Wanting“ lädt mit seinen sparsamen Pianotupfern bewusst zur Kontemplation ein. Hall, Doppelung, Verzerrung, Verfremdung: kaum ein Stilmittel, das der Singstimme hier nicht zur weiteren Verwendung anhand gestellt würde. So bauen sich die Musiker auch hier einen wahren Dom aus Tönen – hoch, breit, gewaltig und doch von einer gewissen Anmut.

Wie weit „Passage“ geht, lässt sich vor allem am Beispiel des melodischen und kraftvollen „Stars“ ausmachen: Mit perfekter Balance aus balladenhafter Schwerelosigkeit und giftiger Wut zappelt es, wie in einer Falle gefangen, die sein Opfer nicht schlagartig, sondern in süßer Qual in andere Sphären hinüberbringt. „Sparks Of Light“ beendet schließlich diese Reise, eine Überfahrt, die sich weniger vom Wellengang denn von der Stimmung an Bord leiten lässt. Ein wenig unterkühlt, erfüllt von narkotischer Spannung und zartbitterer Lieblichkeit.

74

Label: Secretly Canadian

Referenzen: EMA, Zola Jesus, Portishead, Radiohead, Austra, Chelsea Wolfe

Links: Homepage | Facebook | Bandcamp

VÖ: 25.05.2012

2 Kommentare zu “Exitmusic – Passage”

  1. […] Homepage, AufTouren, Mein Blog ist meine Burg, […]

  2. Simon sagt:

    Sehr schöne Rezension!

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