Jack White hat sich getrennt. Musikalisch und privat. Blunderbuss, sein erstes Soloalbum, ist nicht überraschend. Aber es kommt genau zum richtigen Zeitpunkt.

„I won’t let love disrupt, corrupt or interrupt me. Anymore.“ Unmittelbare Reaktionen auf den Erstkontakt mit „Blunderbuss“: Mitwut, Mittrotz und Mitleid sind obligatorisch. In der Knaller-Single „Sixteen Saltines“ toben die E-Gitarren gegen schreiendes Falsett. Poor boy. Und dann: „I know you’re mad at me, but if you’re thinking like that, I think you’ll see you’re mad at you, too.“ Unmittelbare Reaktionen auf den Zweitkontakt mit Blunderbuss: Mitgefühl mit allen, denen Jack White im echten Leben begegnet. Mit diesem Mann will man nicht streiten. Wenn sich das Impulsive, passiv Aggressive in eine harmonische Realität vielleicht nur schwer integrieren lässt: Jack Whites Rock’n’Roll ernährt sich davon.

Und der ist eigentlich viel mehr als „nur“ Rock’n’Roll. White stürzt sich kopfüber in den Pool der US-amerikanischen Musikgeschichte. Besonders offensichtlich erzählt seine Vintage-R&B-Coverversion von Little Willie Johns 1960er Klassiker „I’m Shakin“ davon. Reminiszenzen an die 1970er finden sich vor allem auf der ersten Albumhälfte, die vom dichten, scharfkantigen Stadionrock dominiert wird. Später genügen flüssig-fröhliche Klavierarpeggien und Akustikgitarre, um alles zu sagen: Folk, Country und Blues mit Pop-Appeal. Alles, was die klassische Instrumentation ab und zu aufhübscht sind ein paar Background-Vocals, die in Call-Response-Manier mit dem Protagonisten kommunizieren (teilweise gesungen von Ex-Frau Karen Elson, White scheint doch einen seltsamen Hang zur Selbstgeißelung zu haben). Stimmlich bewegt er sich zwischen den Polen Falsett (das in Kombination mit den energischen Rockriffs so charakteristisch wird) und präzise artikulierter Klarheit. Das erzeugt Farbe, Tiefe und Dynamik. Die verschiedenen Stile und Stimmungen vereint er so schlüssig, dass die Vermutung naheliegt, hier zahlten sich seine vielfältigen Erfahrungen als Musiker aus: Ein Stück von The Raconteurs, The Dead Weather und auch den White Stripes steckt in jedem Song von „Blunderbuss“.

Seit der Platzierung in der Rolling-Stone-Liste der 100 besten Gitarristen aller Zeiten muss sich White als Instrumentalist nicht mehr beweisen, die Soli wie etwa das in „Sixteen Saltines“ zeugen davon. Inzwischen hat er aber auch die optimale Verpackung für seinen lyrischen Output gefunden (als sich White sein Geld noch in seiner Polsterei verdiente, bemalte er seine Möbel mit Gedichten). Zeilen wie „When someone tells you they can’t live without you, they ain’t lying. They’ll take pieces of you and walk away“ aus „Missing Pieces“ zeigen, wie viel Energie White dem textlichen Inhalt des Albums gewidmet haben muss. Das sind die Momente, in denen die Albumerstkontakt-Gefühle wieder aufkommen, weil White so traurig unironisch wirkt. Viel Selbstreflexion setzt das voraus, da er in allen Songs der Protagonist seiner Geschichten ist. Damit kreiert er eine Nähe, die aber nie aufdringlich wirkt.

Whites Harmoniefolgen bestechen nicht gerade durch Innovation – aber für progressive Experimente in dieser Richtung ist Bluesrock wohl auch nicht erfunden worden. Komischerweise gewinnt er gerade mit seiner konsequenten Besinnung auf traditionsreiche Genres wie Americana viel, hebt sich weitestgehend ab von der Masse des Post-Everything. Weil er in Instrumentation, Arrangement und Text ohne Schnörkel auskommt und dabei ehrlich ist auf so vielen Ebenen. Die aufkommende Sehnsucht nach dieser Authentizität, dieser Art Konservatismus spiegelt sich im aktuellen Erfolg von Genrekollegen wie den Black Keys und dem Hype um Bands wie Alabama Shakes als Ergebnis der komplexer werdenden Welt. „The sun and the moon never change, they just rearrange“ singt White in „On And On And On“. Irgendwie beruhigt das wirklich.

70

Label: XL/Beggars Group

Referenzen: The White Stripes, The Black Keys, Alabama Shakes, Little Willie John, Karen Elson

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VÖ: 20.04.2012

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