Dass Spencer Krug produktiv ist, ist mittlerweile der Aufhänger nahezu jedes Infohäppchens, das zu seiner Musik zusammengeklaubt wird. Wichtiger ist jedoch die Dimension, die genaue Form seiner kreativen Unruhe, die er spätestens mit seinem wechselhaften Moonface-Projekt unübersehbar gemacht hat.

Wie schwer vorhersehbar Krug mittlerweile geworden ist, bezeugt „Shitty City“: Als das Stück ansetzt, glaubt man glatt, dass das acid-quietschige Oszillieren jeden Moment in eine rein elektronische Tanznummer ausbrechen wird. Das mag zwar nicht geschehen, doch allein dieses in der Luft hängende, vorher unvorstellbare Potential illustriert schon, warum Krug in jedem Titel seiner Werke explizit aufs Neue die Parameter ändert, anhand derer er eine andere Form des Ausdrucks sucht.

Das waren auf den ersten beiden noch seine solo gespielten Instrumente, auf Moonface-Album Nr. 2 prangt nun der Name der finnischen Krautrocker, mit denen er „With Siinai: Heartbreaking Bravery“ aufnahm. Diese Banddynamik lässt keinen Raum mehr für Krugs jüngste Faszination mit Vintage- und Lo-Fi-Technik, „Heartbreaking Bravery“ ist sicher das vollste, variationsreichste und eingängigste Moonface-Werk. Und zeigt sich gleich zu Beginn doch viel entspannter als die überfrachteten Prog-Achterbahnen Sunset Rubdowns oder geradlinigen Wolf-Parade-Rocker. Mit erhabener Langsamkeit trägt das Titelstück Krugs unverwechselbaren Gesang, ein Hauch von Berlin-Bowie weht über den sanften Glam hallender Piano-Doppelanschläge und wehmütig langgezogener Synthesizer.

Selbst überwiegend auf seine Tasteninstrumente und Stimme beschränkt, nutzt Krug die verschiedenen Stimmungsräume Siinais zur Ausbreitung seiner Poesie, die aus dem titelgebenden Herzensbruch erwuchs. Im beklemmenden „Faraway Lightning“ pointiert ein Becken-Klatschen eben den Moment, in dem er „crashing“ intoniert, wie von Naturgewalten geschüttelt fühlt sich sein Jauchzen an. „Yesterday’s Fire“ badet mit einer faserigen Gitarrenwolke noch in der Nachwärme seiner Erzählung, als diese schon beendet ist (eben: „We’re just getting off on yesterday’s fire“), in „Quickfire, I Tried“ hängt sein von Rainer Maria Wilke inspiriertes Gedicht im sphärischen Raum.

So variabel die Musik, so erkennbar bleibt sie doch immer die Krugs. Spätestens, wenn sich seine Stimme zu einem herzquäkigen „I’ve got the blood and the cause to bleed because / I’ve got the blood but not the bloodlust you need“-Vers oder einem vokalemotionalen Notenhüpfen aus „Ah“s und „Oh“s erhebt. Auch lässt sich leicht „Wo hat er dieses lyrische Motiv schon einmal benutzt?“ mit seinen Texten spielen, doch das ist eben das Großartige: Selbst wenn er sich in einem Punkt wiederholt, ist der Kontext immer ein anderer, als sähe man seine eigene weite Welt aus immer wieder neuen Blickwinkeln.

Gerade die Abwesenheit von Fokus wird „I’m Not The Phoenix Yet“ zum Verhängnis, das überlang auf der Stelle tritt und atmosphärisch verpufft, weil ihm mit „10,000 Scorpions“ ein rein instrumentales Intermezzo folgt. Doch das ist bald vergessen, wenn „With Siinai: Heartbreaking Bravey“ zu einem sagenhaften Schlusslauf ansetzt: „Headed For The Door“ gipfelt in einem XXL-Spoken-Word-Teil, gefolgt von einem dualen Gitarren-Synth-Freakout und wirkt doch nicht überdreht, sondern bewegend. Der Drone-Rocker „Teary Eyes And Bloody Lips“ erinnert zunächst an die Kraut-Phase der Horrors, lässt deren bloße Synthmalerei aber weit hinter sich, wenn Krug kommandierend in die Tasten semmelt – simpel, in Zweitonpaketen zu den Worten „You looked so beautiful then, and you look so beautiful now“, und gerade darum so effektiv.

Dass Krug sich im opulent-kathartischen Finale „Lay Your Cheeck On Down“ schließlich zum kosmischen Hohepriester aufschwingt, lässt nur umso ratloser die Frage erwachsen, wohin ihn sein Weg als nächstes führen wird. Die Antwort auf das letzte Mal, als diese Frage gestellt wurde, ist jedenfalls mehr als befriedigend ausgefallen.

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Label: Jagjaguwar

Referenzen: David Bowie, Teeth Of The Sea, K-X-P, Sunset Rubdown, The Horrors, Spiritualized

Links: Homepage | Facebook | Siinai | Albumstream

VÖ: 20.04.2012

Ein Kommentar zu “Moonface – With Siinai: Heartbreaking Bravery”

  1. [...] Doch Spencer Krug macht weiter: Als Moonface, das sich mit jedem Werk neu erfindet. Auf seinem aktuellen Album hat Krug sich mit den Krautrock-Finnen Siinai zusammengetan, mit denen zusammen der Prog-Pop-Poet [...]

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