Die Ärzte - Auch

Wer, der sich ernsthaft für Musik interessiert, braucht die Ärzte noch? Eine Band, die man gehört hat, als man gerade anfing sich für Musik zu interessieren. Mit 14 konnte man sich kaputtlachen, wie die drei Chaoten sich bei der Lesung „Männer Haben Kein Gehirn“ in Albernheiten suhlten. Man konnte Liebeslieder wie „Mach Die Augen Zu“ noch schön und nicht peinlich finden. Man war eben noch genauso naiv und mit einem grenzdebilen Humor ausgestattet, wie er die Ärzte nun mal auszeichnet.

Aber heute? Heute sind einem in der Musikwelt 2-3 Dimensionen mehr bekannt. Man geht nicht mehr ins Freibad, die Ärzte haben mit „Geräusch“ und „Jazz Ist Anders“ zwei eher schwache Alben veröffentlicht, man weiß, wie wenig erwachsen diese Band wirklich ist, weil man inzwischen genauso alt ist wie die Ärzte, als sie ihren größten Blödsinn verzapft haben. Und man wäre erstaunlich humorlos und hätte seinen jugendlichen Sinn für anarchischen Unsinn verloren, würde man die neue Ärzte-Platte „Auch“ nicht mögen.

Schon das Artwork macht es einem leicht, die Band nicht nervig, sondern wieder sympathisch zu finden: Diesmal wurde die Form eines kleinen Brettspiels gewählt. Sweet. Eine kleine Schachtel, mit einem ausklappbaren Spielfeld, welches gleichzeitig als CD-Hülle dient, dazu drei Kronkorken als Figuren. Wie schon der “Jazz Ist Anders”-Pizzakarton hat die Hülle absolut allerdings keinen inhaltlichen Bezug zu dem Album, aber dennoch, der positive Eindruck setzt sich mit dem Opener fort. „Ist Das Noch Punkrock?“ klingt so unbeschwert und frisch wie zu „Bestie In Menschengestalt“-Zeiten. Aber allein schon die erste Single „Zeidverschwändung“ – der letzte Song darauf – wäre ein Grund, dem Album eine Chance zu geben: Der Song ist einer der besten Bela-B.-Stücke und nimmt gekonnt und mit beklopptem Hintergrundgesang den Ärzte-Kult aufs Korn (und klingt dabei verdächtig nach einer Abschiedssingle …).

Doch die wirklichen Highlights finden sich zwischen diesem gelungenen Anfang und Abschluss des Albums. In „TCR“ wird wunderbar das übliche „Wir Machen Rockmusik“-Thema abgehandelt, Farin beweist einmal mehr, was für ein grandioses, fast schon McCartney’eskes Melodiegefühl er hat und gegen Ende nimmt der Irrsinn seinen Lauf, indem 5 Musikrichtungen hintereinander in den Song eingebaut werden (Höhepunkt Reggae) und sich dabei perfekt einfügen. “McCartney’eskes Melodiegefühl” ist natürlich übertrieben, doch muss einem der Gedanke kommen, wenn Farin am laufenden Band Songs wie „Tamagotchi“ (dessen Text aber Rod singt), „M&F“ oder „Cpt. Metal“ fabriziert und dabei mit Leichtigkeit seine Kollegen Bela B. und Rod aussticht, die dabei keinesfalls in schlechter Form sind.

Musikalisch orientiert sich das Album wie erwähnt wieder an den Die Ärzte der 90er, ist deutlich punkaffiner als die poplastigen letzten Alben, wird aber durch viele Zitate und viele blödsinnige Ideen aufgefrischt. Besonders zu erwähnen seien da die Kopfstimme in „Waldspaziergang Mit Folgen“, das im Übrigen auch mit einem Text besticht, der ein vertontes Domian-Gespräch sein könnte.

Textlich verliert die Band sich diesmal auch nicht in Sentimentalitäten und konzentriert sich auf das, was sie kann: Lyrics, die sich selbst nur im Mindestmaß ernst nehmen und dabei gekonnt zwischen Melancholie (besonders „Sohn Der Leere“) und gut gelauntem Unsinn pendeln, was in den besten Momenten – etwa in „Tamagotchi“ – meisterhaft kombiniert wird.

Den Ärzten ist nicht ihr innovativstes, aber allein von der Qualität der Songs her vielleicht ihr bestes Album gelungen. Es hat keinen einzigen wirklichen Ausfall zu verzeichnen, aber es ist auch kein sinnvoller Albumkontext zu erkennen – was aber schon immer so war. Ein Album, das Spaß macht und ein großartiger Abgang der besten deutschen Teenager-Band wäre. Denn nicht nur die erste Single deutet darauf hin, dass es das wie jedes Mal das letzte der Band sein könnte: Diesmal haben auf dem Album alle drei gleich viele Songs beigesteuert (bei den letzten Alben waren noch die Hälfte der Songs von Farin Urlaub verfasst). Aus Mangel an Kreativität notwendig wäre das Ende dieser Band aber nicht, nach diesem Album zu urteilen. Die Ärzte überraschen einmal mehr.

68

Label: Hot Action

Referenzen: NOFX, Deichkind, WIZO, Eisenpimmel, Die Türen

Links: Homepage | Albumstream

VÖ: 13.04.2012

Ein Kommentar zu “Die Ärzte – Auch”

  1. Wachtel sagt:

    Schimanski?

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