CrybabyCrybaby

Crybaby. Allein der Name seines Projekts lässt an gewagte Haartollen, Petticoats, Autokino und großes Gefühl denken. Folgt man den Songtiteln des britischen Songwriter-Debütalbums, wird es gar noch offenkundiger: Hier wird Musikgeschichte gelebt, gelitten und genossen.

„I Cherish The Heartbreak More Than The Love I Lost“ klingt dabei als Single so hemmungslos romantisierend, dass der Würgereflex ob des zu erwartenden Kitschbombasts schier im Halse stecken bleibt. Danny Coughlan intoniert so stilbeflissen, dass es schon fast seltsam anmutet, dass er sich selbst gar nicht mit passend stereotypen Äußerlichkeiten behaftet. Keine Pomade, dafür raspelkurze Haare und eine mobyhafte Brille: So entspricht man nun wirklich nicht dem Abziehbild des Teenieidols, das sich Bravo-Doppelseiten mit Peter Kraus, Peggy Lee oder Elvis Presley teilen könnte.

Die Musik hingegen lässt keine Zweifel aufkommen und ist dabei historischer Rückblick wie modernes Zitat zugleich. Wenn im fabelhaften „Shame“ die Rhythmusgitarre schleppend wie eins bei Mickey & Sylvias „Love Is Strange“ aus dem Hinterhalt der vorangegangen Nummern ausbricht und Coughlan bis zur Erbarmungswürdigkeit klagt, fühlt es sich wahrhaftig nach großem Pop an, der im folgenden „Twist Of A Knife“ noch mal spannungsgeladen gesteigert wird. Ausladend, ja geradezu brutal opulent wie Morrissey oder Rufus Wainwright schlüpft der Sänger hier in die Rolle des markanten Crooners, dem Wagnis, allzu dick aufzutragen, geschickt im letzten Moment ausgewichen. Entgegen seinen bekannteren Kollegen bricht er hier allerdings nicht auf halbem Wege ab, er suhlt sich förmlich im üppigen Angebot an Versatzstücken, greift dort zu wo es ihm am Besten zu passen scheint und fügt schwelgerische Popsoulnummern zu einem beinahe bildhaften Melodiebogen zusammen.

Coughlan lässt sich auf „Crybaby“ auf Vieles ein, riskiert dabei auch eine ganze Menge. Von der ersten gesungenen Note bei „I Cherish The Heartbreak More Than The Love That I Lost“, die er mit Verve und gravitätischer Sehnsucht vorträgt, über die nachfolgenden Balladen folgt er so stringent wie möglich den Spuren großen Pathos-Entertainments, schämt sich aber zum Glück nicht dabei, dieses einzugestehen. Natürlich ist „We’re Supposed To Be In Love“ verdammt nah dran, drüber zu sein und auch „When The Lights Go Out“ könnte dem einen oder anderen eine leichte Schamesröte ins Gesicht treiben. Doch eigentlich will man weiter zuhören, sich gut fühlen und sich von den wohlklingenden und souligen Popstücken umarmen lassen. Mit Pauken, Trompeten, Orgel und Heerscharen von Patina, mit Twang- und Slidegitarren. Mit dieser Stimme, die gerade in den schmierigen Passagen so herrliche Schauer über den Rücken laufen lässt. Mit diesem nicht definierbaren Gefühl zwischen Wohligkeit und Baugrimmen.

Crybaby. Im Film käme jetzt der Abspann, Bobby Vinton singt „A Teenager In Love“ und draußen würde nach zu viel süßem Popcorn die eine oder andere Vespa angeworfen, um nach dem schnulzigen Liebesfilm zumindest noch mal ein wenig für „halbstark“ gehalten zu werden. Doch dieses Crybaby ist anders. Coughlan braucht sich ob seiner Gefühlsduselei nicht hinter irgendwelchen Befindlichkeiten zu verstecken, er lockt vielmehr selbige hinter dem Ofen hervor, lässt den Zuhörer infiziert mitwippen. Und schwupps, schon ertappt man sich dabei, aus vollem Halse bei den unsagbar eingängigen Melodien einzustimmen.

73

Label: Cooperative

Referenzen: Johnny Rivers, Mickey & Sylvia, Otis Redding, Morrissey, Rufus Wainwright

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VÖ: 06.04.2012

2 Kommentare zu “Crybaby – Crybaby”

  1. Lennart sagt:

    Erinnert mich auch an das famose Album „Maintenant“ von Gigi. Ein wenig. Aber das ist schon mal was.

  2. Carl Ackfeld sagt:

    Habe ich, zumindest in Gänze nie gehört. Erinnere mich aber, dass es da eine ebenso wohlwollende Rezi gab ;-)

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